80 Jahre nach Animal Farm - was wir für heute daraus lernen können

George Orwells Bücher Animal Farm (1945) und 1984 (1949) sind keine Grabreden auf Gleichheit, sondern Handbücher ihrer Fälschung. Die Parole bleibt an der Wand, die Praxis kippt im Betrieb: Bürokratie, Personenkult, Sprachmanipulation ersetzen Selbstverwaltung und Kontrolle von unten. Marxistisch gelesen markieren beide Bücher den Moment, in dem eine Revolution – unter Krieg, Mangel und internationaler Isolation – in Kastenherrschaft umschlägt. Orwells Stärke ist die Formdiagnose der Herrschaft; seine Schwäche die Unterbelichtung der materiellen Gegenmittel. Genau hier setzt eine linke Rückaneignung an.

Wer Orwell war – und warum diese zwei Bücher

George Orwell hieß Eric Arthur Blair. 1903 in Indien geboren, Eton-Abgänger, Kolonialpolizist in Burma – und gerade dadurch zum Anti-Imperialisten geworden. Der Blick in die Maschinerie des Empire machte ihn allergisch gegen die Moral der Obrigkeit und gegen die glattgebügelte Amtssprache. In den dreißiger Jahren lebte er „down and out“ mit Arbeiterinnen und Arbeitslosen, schrieb gegen den bürgerlichen Mythos der erziehbaren Armut – und fuhr 1936/37 nach Spanien zur POUM-Miliz. Barcelona, die Mai-Ereignisse 1937: die Erfahrung, dass Revolutionäre unter revolutionären Parolen verfolgt werden, wurde sein intellektuelles Scharnier. Homage to Catalonia ist der erste Schluss daraus: Wahrheit kann politisch fabriziert werden. Der zweite folgte im Krieg. Orwells BBC-Jahre prägten sein Misstrauen gegen die Umcodierung von Wirklichkeit durch Sprache.

1946 formulierte er es programmatisch – „Every line of serious work that I have written since 1936 has been written, directly or indirectly, against totalitarianism and for democratic socialism, as I understand it.“ –, und zwar im Essay „Why I Write“ (Sommerausgabe der Zeitschrift Gangrel, 1946).

In diesem Rahmen entstehen die beiden Schlüsseltexte. Animal Farm übersetzt Barcelona in eine Fabel: Gebote werden gedehnt und getilgt, Squealer verwandelt Nützliches in Wahres, die Hunde erledigen den Rest. Nineteen Eighty-Four hebt den Mechanismus auf die Ebene der Sprache selbst: Wer Archive begradigt, besitzt Vergangenheit und Zukunft. Orwell starb 1950 an Tuberkulose – ein radikaler Egalitarist, gewerkschaftsnah, anti-imperial, antistalinistisch und doch ausdrücklich sozialistisch.

Die linke Lektüre: Form, Stoff und Gegenmacht

Die linke Debatte liest Animal Farm als anschauliche Theorie der klassenpolitischen Restauration: Aus Mangel, Kriegswirtschaft und Abriegelung wächst eine Bürokratie, die sich über die Klasse erhebt. Diese Lesart ist stark, wo sie die Form der Usurpation sichtbar macht; sie wird stärker, wenn sie das Versäumte ergänzt: Räte, Rotation, Rechenschaft, Arbeiterkontrolle – die Institutionen, die Gleichheit tragen. Kulturmaterialistisch ist Orwell ein Autor der Hegemonie: Der Signifikant „Gleichheit“ bleibt an der Scheunenwand, sein Inhalt wird verschoben. Gegen die bürgerliche Domestizierung zum „nationalen Gewissen“ insistiert eine linke Relektüre auf Klasse, Kolonialität und Eigentum. Wer Orwell so liest, rettet seine Schärfe – und richtet sie nach oben.

Die zweite Fälschung: Rezeption im Kalten Krieg

Zunächst unerwünscht in der Anti-Hitler-Koalition, wurde Animal Farm nach 1945 Pflichtlektüre. Ab 1948 verbreitete das britische Information Research Department Orwells Texte weltweit; 1954 ließ die CIA die Zeichentrickverfilmung produzieren – mit einem veränderten Ende, das aus der Kritik am Apparat eine pauschal antirevolutionäre Botschaft machte. Was der Text beschreibt, geschieht ihm selbst: Die Parole bleibt, die Praxis kippt. Gerade deshalb braucht es die linke Rückaneignung, die Antistalinismus nicht gegen Sozialismus ausspielt, sondern als dessen Gewissensprüfung versteht.

Einwände, präzise beantwortet

Wer Orwell zur Gleichsetzung von links und rechts heranzieht, verwechselt Diagnoseformen mit politischen Gleichsetzungen. 1984 attackiert nicht Gleichheit, sondern die Monopolisierung von Sprache, Wahrheit und Gewalt. Wer aus Animal Farm das Scheitern jeder Revolution ableitet, liest entgegen der Logik des Buches: Nicht ein Zuviel an Demokratie, sondern ein Zuwenig an demokratischer Verfügung ist sein Gegenstand. Und wer Orwell zum Liberalen verklärt, übergeht seine eigene Selbstaussage ebenso wie seine Praxis: antikolonial, gewerkschaftsnah, egalitär.

Was bleibt: Institutionen der Gleichheit

Orwell liefert das Seziermesser für die Form der Usurpation. Aufgabe der Linken ist die Konstruktion des Gewebes, in dem Gleichheit hält. Ohne Eigentums- und Budgetdemokratie bleibt Gleichheit Rhetorik. Nötig sind Rätedemokratie mit realen Vetorechten gegen geschlossene Leitungszirkel, Rotation und Amtszeitbegrenzung, öffentliche Haushalte und nachvollziehbare Algorithmen, Arbeiterkontrolle mit Abwahl- und Prüfkompetenzen, unabhängige Medien von unten – und politische Mittel gegen die „Gleicheren“ unserer Gegenwart: Erbschaftsmacht, Plattform- und Finanzmonopole, Passregime.

Schluss

Orwell ist nicht der Zyniker der Kulturkämpfer und nicht der liberale Moralist bequemer Biografien. Er ist ein Autor der linken Nüchternheit: Er nimmt Illusionen die Pose, damit Gleichheit nicht an der Wand endet, sondern im Alltag organisiert wird.

Heute heißen die „Gleicheren“ Dividende, Datenzugang, Marktmacht und der richtige Pass. Wer Orwell marxistisch liest, nimmt ihm nicht die Schärfe, sondern richtet sie dorthin, wo sie hingehört: gegen die Konzentration von Verteilungsmacht, gegen die Verdunkelung der Sprache, gegen die Verwaltung der Vielen durch die Wenigen. Antistalinismus ist in dieser Perspektive kein Ausstieg aus dem Sozialismus – er ist seine Bedingung.

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