Amazon – Anatomie eines Imperiums der Prekarisierung.

Ein Essay über Disziplin, Datenmacht und digitalen Klassenkampf
von Sascha Schlenzig
Am Anfang stand ein Lächeln – schlicht, halbkreisförmig, wie ein Pfeil. Heute ist es Symbol einer weltumspannenden Logistikmacht, die sich wie ein unsichtbares Netz über Städte, Körper und Arbeitsmärkte gelegt hat. Amazon ist kein gewöhnlicher Konzern. Amazon ist Infrastruktur – und Disziplin.
Was Jeff Bezos geschaffen hat, ist nicht bloß ein globaler Handelsriese, sondern ein kybernetisches Machtregime. Hinter den automatisierten Bestellungen, den unsichtbaren Lieferketten und dem freundlichen „Alexa“ verbirgt sich ein hochverdichtetes System von Kontrolle, Überwachung und Klassenmacht. Wer hier von „Innovation“ spricht, ignoriert die Realität an den Förderbändern.
Die Gewalt der Taktung
In den Lagerhallen von Coventry, Leipzig oder Staten Island zählt kein Gesicht, kein Mensch, nur Bewegung pro Minute. Die Scanner ticken im Sekundentakt. Wer zu langsam ist, fliegt. Verletzungen sind Alltag. An „Prime Days“ schnellen die Unfallraten auf Rekordwerte – bis zu 45 pro 100 Arbeiter:innen pro Tag. In den internen Memos wird das als „Kollateraleffekt“ der Effizienz verbucht. Dass Rücken brechen und Sehnen reißen, ist eingepreist.
Das Tempo ist kein Zufall. Es ist Strategie. Interne Studien – etwa „Project Soteria“ – belegen, wie Geschwindigkeit mit Verletzungen korreliert. Doch Pausen werden gekürzt, Taktzeiten beschleunigt. Denn im Amazon-System zählt: Wer stehen bleibt, verliert. Auch als Mensch. Digitale Kontrollsysteme wie „Driveri“ erfassen jede Bewegung, jede Verzögerung, selbst das Fahrverhalten. Besonders betroffen: migrantische Arbeitskräfte ohne ausreichende Sprach- und Rechtskenntnisse – leicht austauschbar, schwer organisierbar.
Der entwaffnete Widerstand
In Alabama, Québec, Coventry und Polen organisieren sich Beschäftigte – oft unter Lebensgefahr. Seit 2013 kämpfen ver.di und andere Gewerkschaften in Deutschland um einen Tarifvertrag für gute, gesunde und faire Arbeit. Streiks, Proteste, Betriebsratsgründungen – doch Amazon reagiert mit Repression. Neueinstellungen kurz vor Abstimmungen, Datenüberwachung, verpflichtende Propaganda-Meetings, Disziplinarmaßnahmen gegen Organisator:innen. In Coventry wurden Gewerkschafter:innen schlicht durch Neueinstellungen rechnerisch entmachtet. In Deutschland gibt es bis heute keinen Tarifvertrag. Alle Zugeständnisse – etwa Lohnerhöhungen oder Gesundheitsmaßnahmen – sind freiwillig und können einseitig widerrufen werden.
Dabei geht es um mehr als um Arbeitsverhältnisse. Es geht um das Recht, sich kollektiv zu wehren – gegen die technokratische Logik eines Unternehmens, das sich der politischen Öffentlichkeit weitgehend entzieht und seine Macht in der Infrastruktur verankert. Amazon ist Plattform und Staat, Distributionsnetz und Marktaufsicht in einem.
Die Ideologie der Effizienz
Die Effizienzlogik ist der ideologische Kitt dieses Systems. Alles wird gemessen, verglichen, optimiert. Doch Optimierung bedeutet in der Praxis: mehr Druck, mehr Kontrolle, weniger Rechte. Der „lean worker“ wird zum disziplinierten Subjekt, zur menschlichen Verlängerung des Algorithmus. Jeff Bezos spricht gerne von „Wandern“ – aber niemand wandert freiwillig durch ein biometrisch überwachtes Lagerhaus.
Gleichzeitig führt Amazon Steuervermeidungsstrategien durch, die selbst Finanzminister:innen zur Verzweiflung treiben. Die effektive Steuerlast des Konzerns liegt global oft unter 12 %. In Europa operiert Amazon über Tochtergesellschaften in Luxemburg und Irland, die Gewinne verschieben und in der Praxis kaum Unternehmenssteuern abführen. Während Amazon 2023 weltweit rund 537 Milliarden Euro Umsatz machte – allein in Deutschland 34,9 Milliarden Euro – flossen in vielen EU-Staaten fast keine Steuereinnahmen. Gewinne werden privatisiert, Kosten sozialisiert – ganz im Geiste des digitalen Kapitalismus.
Der neue Klassenkampf
Amazon zeigt, wie der Klassenkampf im 21. Jahrhundert aussieht. Nicht mehr als offenes Duell zwischen Kapital und Arbeit auf dem Fabrikhof, sondern als asymmetrisches Ringen zwischen Plattformmacht und prekarisierter Belegschaft. Zwischen Algorithmen, Lieferzeiten und Heatmaps. Weltweit beschäftigt Amazon 1,5 Millionen Menschen, allein in Deutschland rund 40.000 – viele davon befristet, ausgelagert, entrechtet.
Doch die Kämpfe formieren sich. In Indien traten Tausende in den Streik – für 295 $ Monatslohn statt 120. In Coventry drohen erneute Proteste. In New York formieren sich Paketzusteller:innen. Am internationalen „MakeAmazonPay“-Aktionstag – dem umbenannten „Black Friday“ – streikten zuletzt Beschäftigte in 23 Ländern, koordiniert von UNI Global Union. Die neue Internationale der Plattformarbeiter:innen ist fragmentiert, aber nicht machtlos. Ihre stärkste Waffe ist Sichtbarkeit – und Organisation jenseits nationaler Grenzen.
Eine andere Zukunft denken
Wer „Day 1“ sagt, meint: nie ankommen. Immer weitermachen. Immer schneller. Immer disziplinierter. Doch der Preis dafür ist eine permanente Prekarisierung der Vielen – für die Bequemlichkeit der Wenigen.
Eine andere Zukunft ist möglich – eine, in der Arbeit nicht entmenschlicht wird. In der Daten nicht zur Waffe gegen Beschäftigte gemacht werden. Und in der transnationale Konzerne nicht länger über Steuerschlupflöcher und algorithmische Gewalt herrschen.
Vielleicht beginnt diese Zukunft nicht mit einem Lächeln. Aber mit einem Streik. Mit einer Klage. Mit einer Bewegung. Damit aus „Prime“ nicht mehr das Vorrecht der Profite wird – sondern das Versprechen auf Gerechtigkeit.
(c) Kritik & Praxis – Verstehen. Hinterfragen. Verändern.
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