Antiimperialismus als Blindflug

Warum Sevim Dagdelens Iran-Text der Protestbewegung in den Rücken fällt

Antiimperialismus als Blindflug

Der Artikel „Iran: Blut und Öl“ von Sevim Dagdelen, 20 Jahre Mitglied der Linksfraktion im Bundestag und jetzt BSW-Vorstandsmitglied, erschienen bei den NachDenkSeiten, will Krieg verhindern, Sanktionen delegitimieren und den US-Imperialismus entlarven. Dieses Anliegen ist legitim. Doch die Art, wie es verfolgt wird, ist politisch fatal. Denn der Text verteidigt einen Staat – und entzieht damit jenen die Solidarität, die im Iran gerade unter Einsatz ihres Lebens gegen Armut, Repression und religiöse Klassenherrschaft kämpfen. Was als Antiimperialismus auftritt, wird so zur Entsolidarisierung.

Vom Subjekt zum Objekt

Dagdelen erklärt die iranische Krise fast vollständig von außen: CIA, Mossad, Sanktionen, Öl. Die Protestbewegung erscheint nicht als eigenständiger sozialer Akteur, sondern als Reaktion auf ein geopolitisches Drehbuch. Damit wird ihr politischer Kern zerstört. Die Menschen im Iran handeln nicht aus eigenen materiellen Gründen, sondern scheinen Spielfiguren fremder Mächte zu sein. Das ist keine beiläufige Zuspitzung, sondern eine analytische Entscheidung – mit Folgen.

Wer Proteste primär externalisiert, spricht den Protestierenden ihre politische Eigenständigkeit ab. Genau diese Logik nutzen autoritäre Regime selbst, um Opposition zu delegitimieren: nicht sozial, nicht legitim, sondern gesteuert.

Imperialismus als Totalerklärung

US-Imperialismus ist real, Sanktionen sind ein brutales Zwangsinstrument. Aber sie erklären nicht die gesamte iranische Krise. Dagdelens Text macht sie zur Totalursache – und ersetzt damit materialistische Analyse durch Geopolitik. Weitgehend ausgeblendet bleibt die innere Struktur: die Revolutionsgarden als eigenständige Kapitalfraktion, religiöse Stiftungen als milliardenschwere, steuerfreie Schattenkonzerne, die systematische Zerschlagung unabhängiger Gewerkschaften sowie die strukturelle Reproduktionskrise der Lohnabhängigen.

Inflation, Währungsverfall und Armut erscheinen fast ausschließlich als Sanktionsfolgen. Verdeckt wird damit, dass der Iran längst ein autoritäres Rentenkapitalismus-Modell ist, das Reichtum abschöpft, aber keine soziale Integration mehr leisten kann. Das ist keine an den Lebensinteressen der Iraner orientierte Kritik, sondern geopolitischer Determinismus.

Nähe zur Regime-Erzählung

Besonders problematisch ist die wiederholte Andeutung ausländischer Steuerung der Proteste. Hinweise auf Geheimdienste bleiben spekulativ, ihre Wirkung ist eindeutig: Proteste werden delegitimiert. Repression wird indirekt erklärbar, wenn nicht sogar verständlich.

Ob beabsichtigt oder nicht – die Argumentationsstruktur ähnelt in entscheidenden Punkten der Selbstrechtfertigung autoritärer Herrschaft: nicht soziale Revolte, sondern Manipulation; nicht Klassenkonflikt, sondern Destabilisierung; nicht Widerstand, sondern fremde Agenda. Das ist politisch brandgefährlich

.

Antiimperialismus ohne Dialektik

Der Text ist radikal gegen Krieg, aber auffällig milde gegenüber innerer Repression. Er verteidigt das Völkerrecht, verliert jedoch die soziale Realität aus dem Blick. Solidarität richtet sich auf Staaten, nicht auf Klassen. So entsteht eine paradoxe Haltung: ein Antiimperialismus, der autoritäre Herrschaft im Namen geopolitischer Abwehr stabilisiert.

Kritisch wäre eine Doppelkritik – gegen US-Imperialismus, gegen Sanktionen, gegen Krieg und zugleich gegen religiös legitimierte Klassenherrschaft im Iran. Diese Dialektik fehlt.

Stattdessen wird der Iran als geopolitisches Objekt verteidigt, während die Gesellschaft verschwindet.

Die Wirkung auf die Protestbewegung

Diese analytische Verschiebung bleibt nicht folgenlos. Gerade jetzt, wo die Proteste sozial breit, dauerhaft, hochriskant und organisatorisch verwundbar sind, wirkt ein solcher Text wie ein Rückzugssignal. Solidarität wird konditioniert. Wer das „falsche“ Regime herausfordert, verliert den Schutz.

Zugespitzt: Wer soziale Revolten aus Angst vor imperialistischer Eskalation relativiert, schützt nicht den Frieden – er stabilisiert autoritäre Herrschaft. Das ist keine theoretische Spitzfindigkeit, sondern eine reale politische Wirkung.

Fazit

Der eigentliche Skandal dieses Textes ist nicht, was er über die USA sagt, sondern was er den Menschen im Iran abspricht: politische Eigenständigkeit. Sevim.Dagdelen fällt der Protestbewegung in den Rücken. Aufgrund eines Lagerdenken-Antiimperialismus, der Staaten schützt, wo Klassen verteidigt werden müssten.

Solidarität mit der Bevölkerung im Iran heißt heute: gegen Krieg und Sanktionen – ohne Regimeapologie. Wo Antiimperialismus die Eigenständigkeit sozialer Kämpfe negiert, verliert er seinen emanzipatorischen Gehalt.

Link zum Artikel von Sevim Dagdelen:

https://www.nachdenkseiten.de/?p=144785

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