Blondie, Kapital und die Kunst der verkauften Revolte

Inmitten von Schminke, Schweigen und Strom
Inmitten von Schminke, Schweigen und Strom begann sie zu singen. Heute wird Debbie Harry 80 – und noch immer wissen wir nicht, ob sie den Pop verändert hat oder der Pop sie. Ihre Erscheinung: blendend, widersprüchlich, kühl. Sie war die Kälte im Blick und das Feuer im Ton. Wer Debbie Harry sah, hörte mehr als Musik – er sah ein Versprechen. Blondie war mehr als eine Band. Es war eine Haltung – und ein Geschäftsmodell. Denn alles, was sich widerständig anfühlt, hat im Kapitalismus einen Preis. Und Debbie Harry wurde bezahlt.
Von der Pose zur Plattform
Sie war Punk – aber tragbar. Wild – aber stilisiert. Blondie kam nicht aus der Arbeitervorstadt, sondern aus Downtown Manhattan. Punk war dort weniger Verzweiflung als Performance. Während in Großbritannien die Bewegung von unten kam, Wut gegen Empire und Elend, wurde sie in den USA zur Attitüde der Boheme. Debbie Harry war keine politische Figur – aber sie passte perfekt in eine Zeit, die Rebellion als Stil konsumierte.
Adorno wusste das schon früh: „Alles wird zur Reklame.“ Auch der Widerstand, wenn er sich nicht organisiert. Blondie roch nach Aufbruch – aber es war der Duft aus dem Duty-Free-Shop.
Empowerment ohne Infrastruktur
Debbie Harry wurde früh zur Ikone eines „feministischen Selbstbewusstseins“, das sich vor allem in Sichtbarkeit ausdrückte. Ihr Blick sagte: Ich bin keine Muse, ich bin Macht. Und doch war diese Macht von Anfang an verwoben mit der Logik des Marktes.
Angela McRobbie beschreibt das als „luftige Selbstermächtigung ohne soziale Infrastruktur“ – ein Popfeminismus, der Autonomie inszeniert, aber nicht organisiert. Eine Frau darf heute alles sein, solange sie niemanden stürzt. Nancy Fraser nennt das Anerkennung ohne Umverteilung. Die Frau als Marke – aber nicht als Machtfaktor.
Debbie Harry war stark – weil sie sich inszenieren konnte. Aber wem gehörte das Studio?
Whiteness sells – the rest is noise
Dass gerade Debbie Harry zur globalen Rebellin wurde, hat nicht nur mit Talent und Stil zu tun, sondern auch mit rassifizierter Sichtbarkeit. Während Grace Jones mit futuristischem Androgynismus irritierte, wurde Debbie Harrys Rebellion zur Blaupause weißer Coolness. Auch Poly Styrene von X-Ray Spex sang gegen Rassismus, Gendernormen, Schönheitsdiktate – aber blieb Randnotiz.
Die weiße, blonde, schlanke Rebellin wurde zur Norm. Und so reproduzierte sogar die Pop-Subversion unbemerkt das Zentrum. Sichtbarkeit, so scheint es, bleibt ein Luxus, den sich nicht alle leisten dürfen – auch im Punk.
Keine Playlist, sondern Organisation
Als ich mit 15 zum ersten Mal „Atomic“ hörte, wusste ich nicht, dass Pop so tödlich klingen konnte. Blondie war der Soundtrack meines Rückzugs – und meiner Wut. Doch heute, vierzig Jahre später, scheint dieser Sound leer geworden zu sein. Geblieben ist das Bild. Die Pose. Die Nostalgie.
Wir sollten aufhören, Rebellion zu streamen – und anfangen, sie zu organisieren. Debbie Harry war Stil. Jetzt braucht es Strategie. Denn Widerstand ist kein Mood. Und Pop keine Bewegung.
📌 Kritik & Praxis – Klar. Kritisch. Verständlich.
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