Clara Zetkin – Revolutionärin, Feministin, Funktionärin. Eine Würdigung mit Widerspruch
Revolutionäre Stimme aus dem 19. Jahrhundert – eine historische Würdigung
Berlin, August 1932. Der Reichstag ist angespannt. In der ersten Reihe sitzt eine alte Frau, fast blind, gezeichnet vom Exil. Als Alterspräsidentin eröffnet sie die letzte freie Sitzung der Weimarer Republik. Ihre Stimme zittert, aber ihre Botschaft ist messerscharf: Der Faschismus droht – und Widerstand ist Pflicht.
Clara Zetkin (1857–1933) war eine der profiliertesten Figuren der internationalen sozialistischen Bewegung und eine Pionierin des klassenbewussten Feminismus. Sie verband wie kaum eine andere die Kämpfe für soziale Gerechtigkeit, gegen Krieg und für die Emanzipation der Frau zu einem kohärenten revolutionären Projekt. Ihr Name steht für die Einführung des Internationalen Frauentags (1910), für die sozialistische Frauenbewegung, für die Antikriegsopposition im Ersten Weltkrieg sowie für einen klaren Anti-Faschismus, wie ihre letzte Rede im Reichstag 1932 eindrucksvoll belegt.
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Zetkin war nicht nur Symbolfigur, sondern Organisatorin und Theoretikerin. Ihre Schriften, insbesondere zur Frauenfrage im Klassenkampf, begründeten eine Perspektive, die sich bewusst vom bürgerlichen Feminismus abhob. In ihrer Kritik an der „bürgerlichen Frauenbewegung“ erkannte sie früh, dass die Interessen proletarischer Frauen nicht deckungsgleich mit jenen privilegierter Schichten sind. Die „soziale Frage“ war für sie kein Anhängsel der Frauenfrage – sie war ihr struktureller Kern.
Zetkin arbeitete eng mit Rosa Luxemburg, Lenin und anderen führenden Köpfen der sozialistischen Bewegung zusammen. Ihre internationale Ausstrahlung machte sie zu einer der wenigen Frauen, die auf Kongressen der Zweiten und Dritten Internationale maßgeblich Einfluss ausübte.
Doch bei allem revolutionären Geist bleibt die Frage: Warum ist Clara Zetkin trotz ihres klarsichtigen Frühwerks in ihrer späteren politischen Rolle gegenüber autoritären Entstellungen des Sozialismus weitgehend stumm geblieben?
Anpassung in stürmischer Zeit – die Phase der Komintern und KPD
Nach der Novemberrevolution 1918 und dem Bruch mit der SPD war Zetkin Gründungsmitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Die Hoffnung auf einen revolutionären Umschwung in Deutschland war groß – doch sie wich schnell der brutalen Realität von Repression, innerer Zersetzung und strategischer Orientierungslosigkeit.
Zetkin war in den 1920er Jahren eine zentrale Figur der KPD und der Komintern. Sie vertrat dort weiterhin ihre Forderung nach dem „Einheitskampf gegen Faschismus, Kapital und Patriarchat“. Ihr politischer Spagat bestand darin, innerhalb zunehmend stalinistisch durchorganisierter Strukturen linke und feministische Positionen zu verteidigen, ohne offen mit der Parteidisziplin zu brechen. Dieser Spagat misslang zunehmend.
Die Kommunistische Internationale wandelte sich spätestens ab dem 5. Weltkongress 1924 zu einem Instrument stalinistischer Kontrolle. Doch Clara Zetkin schwieg zur stalinistischen Repression, beteiligte sich an der Ausgrenzung innerparteilicher Opposition und unterstützte letztlich – zumindest faktisch – die verhängnisvolle „Sozialfaschismusthese“, nach der die SPD als Hauptfeind galt und antifaschistische Bündnisse verhindert wurden.
Zetkin, die stets für Einheit gegen Faschismus warb, konnte sich mit ihren Vorstellungen nicht durchsetzen. Aber sie blieb – aus Loyalität zur Partei oder aus Furcht vor Isolierung? –, und ihre Positionen wurden marginalisiert. Der Preis war hoch: Nicht nur wurde ihre feministische Arbeit weitgehend entwertet, auch ihre Stimme als Kritikerin des Stalinismus verstummte, als es darauf ankam.
Ich erinnere mich an den Moment, als ich zum ersten Mal ihre Rede gegen Hitler las. Sie war schwach, krank, fast blind – und doch stärker als die meisten, die heute große Töne spucken. Doch zugleich schmerzte das Wissen: Sie hatte ihre Stimme dort nicht erhoben, wo der Verrat an der Revolution begann – im Inneren der Partei.

Schweigen über Stalin – oder stiller Widerspruch?
Ein zentraler Vorwurf aus marxistischer Sicht betrifft Zetkins Verhältnis zum Stalinismus. Während linke Intellektuelle wie Trotzki, Kollontai, Bordiga oder Radek die Bürokratisierung der Sowjetunion offen anprangerten, hielt sich Zetkin öffentlich zurück. Auch in ihren Schriften und Reden der späten 1920er und frühen 1930er Jahre finden sich keine klaren Worte zur wachsenden Repression, zu den Moskauer Prozessen, zu den stalinistischen Säuberungen.
Zwar gibt es Hinweise, dass sie intern Kritik übte, etwa an der undemokratischen Führung der Komintern, doch diese blieb folgenlos. Ihr Schweigen wird von einigen Historiker:innen als „taktischer Kompromiss“ gedeutet – von anderen als politische Kapitulation.
Auch feministische Historikerinnen wie Helga Grebing oder Frigga Haug betonen, dass Zetkins feministische Perspektive im Spätwerk zunehmend der Parteilinie untergeordnet wurde. Ihre früheren Kämpfe für autonome Frauenorganisierung, proletarische Selbstermächtigung und dialektisches Denken wichen einer Art stalinistischer Staatsgläubigkeit, die im Namen des Sozialismus auf Kritik verzichtete.
Die Lehren: Kein Sozialismus ohne Emanzipation – und keine Emanzipation ohne Kritik
Die marxistische Kritik an Clara Zetkin ist keine Abrechnung, sondern eine Notwendigkeit der Selbstklärung. Ihr Lebensweg zeigt: Auch große Revolutionär:innen können unter den Bedingungen von Repression, Isolation und Parteidisziplin in Widersprüche geraten, die das eigene Projekt entstellen.
Zetkin bleibt eine historische Gestalt von beeindruckender Kraft und intellektueller Tiefe. Doch ihre späte politische Rolle zeigt auch die Grenzen einer Strategie, die Kritik der Einheit opfert. Die Revolution braucht nicht nur Disziplin, sondern auch radikale Kritikfähigkeit – gerade gegenüber der eigenen Seite.
Zetkin selbst hat das – zumindest früher – gewusst. Ihre Schriften über Luxemburg, ihr Plädoyer für proletarischen Internationalismus, ihre Polemik gegen bourgeoisen Moralismus zeugen davon. Dass sie diese Haltung in der Ära Stalins nicht offen verteidigte, bleibt ihr größter blinder Fleck.
Was bedeutet das für uns heute?
- Dass wir revolutionäre Geschichte nicht verklären dürfen – auch nicht ihre Heldinnen.
- Dass sozialistische Organisation nur dann emanzipatorisch bleibt, wenn sie Kritik zulässt.
- Dass feministischer Marxismus mehr braucht als Erinnerung – er braucht Aktualisierung, Differenzierung, Selbstkritik.
Und: Dass wir an einem Projekt weiterarbeiten müssen, das Zetkin begonnen, aber nie vollendet hat.
Fazit: Clara Zetkin heute lesen – kritisch, dialektisch, feministisch
In einer Zeit, in der sich der Feminismus vielfach in Lifestyle, Karrierismus oder NGO-Politik erschöpft, liefert Clara Zetkin eine radikale Alternative: Feminismus als Klassenkampf. Emanzipation als Systemkritik. Organisation als Voraussetzung für Befreiung. Doch diese Tradition muss aktualisiert, nicht mythisiert werden.
Zum Schluss ein Vorschlag – oder besser: ein Prüfstein. Was wäre, wenn Zetkin heute lebte? Würde sie sich gegen das Abwürgen palästinasolidarischer Stimmen wenden? Würde sie ihre Stimme gegen Genderwashing im neoliberalen Kapitalismus erheben? Würde sie uns zurufen: „Erst recht!“?
Wer Zetkin ehren will, darf nicht verschweigen, wo sie sich täuschte – oder schwieg. Ihre Geschichte mahnt: Sozialismus ist nur dann emanzipatorisch, wenn er offen bleibt für Kritik – auch von innen.
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