Der Aufstand der Unsichtbaren

Der Aufstand der Unsichtbaren

Trumpismus und Populismus aus marxistischer Perspektive auf Grundlage von Christophe Guilluys Thesen

In den letzten Jahren haben Phänomene wie der Trumpismus, der Brexit oder die Gelbwestenbewegung die politischen Landschaften westlicher Demokratien erschüttert. Für viele Beobachter kamen diese Entwicklungen überraschend. Für den französischen Geographen Christophe Guilluy jedoch sind sie die logische Folge eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels.

Guilluy beschreibt in seinen Arbeiten die zunehmende Marginalisierung jener Klassenfraktionen, die im fordistischen Nachkriegskapitalismus das soziale Rückgrat westlicher Demokratien bildeten: Industriearbeiter, Teile der unteren Mittelschichten und regionale Kleinökonomien. Während sich wirtschaftliche Dynamik, Kapital und politische Macht in den globalen Metropolen konzentrieren, geraten große Teile der Bevölkerung in den peripheren Regionen ökonomisch und kulturell ins Abseits.

Aus marxistischer Perspektive liefert diese Diagnose wichtige Hinweise auf die Ursachen des Aufstiegs rechtspopulistischer Bewegungen. Der Trumpismus erscheint dann nicht als historische Anomalie, sondern als politischer Ausdruck tiefgreifender Umstrukturierungen des Kapitalismus.


Kapitalistische Entwurzelung: Die Auflösung der fordistischen Gesellschaft

Seit den 1980er Jahren hat die Globalisierung eine neue Form kapitalistischer Raumordnung hervorgebracht. Produktionsketten wurden internationalisiert, industrielle Arbeitsplätze ausgelagert, während Finanzmärkte und hochqualifizierte Dienstleistungssektoren in wenigen globalen Zentren konzentriert wurden.

Guilluy beschreibt diesen Prozess als Spaltung zwischen den dynamischen Metropolen und einer wachsenden „Peripherie“. In diesen Regionen verschwinden industrielle Arbeitsplätze, lokale Ökonomien erodieren und öffentliche Infrastruktur wird abgebaut. Ganze Räume verlieren ihre ökonomische Funktion im globalisierten Kapitalismus.

Aus marxistischer Sicht lässt sich diese Entwicklung als Teil einer umfassenden Umstrukturierung kapitalistischer Akkumulation begreifen. David Harvey spricht in diesem Zusammenhang von „Akkumulation durch Enteignung“. Kapital verlagert sich dorthin, wo Profitraten höher sind, während zuvor zentrale Produktionsregionen entwertet werden.

Die betroffenen Arbeiter werden dabei nicht einfach „überflüssig“. Sie werden in prekäre Dienstleistungen, Plattformarbeit oder in eine wachsende industrielle Reservearmee gedrängt. Der Kapitalismus produziert so eine neue soziale Landschaft: eine fragmentierte Arbeiterklasse ohne stabile organisatorische Formen.


Ideologischer Zerfall: Das Ende der sozialdemokratischen Hegemonie

Parallel zu dieser ökonomischen Transformation hat sich auch die politische Landschaft verändert. Die traditionellen Parteien der Arbeiterbewegung haben seit den 1990er Jahren ihre gesellschaftliche Basis weitgehend verloren.

Mit der neoliberalen Wende der Sozialdemokratie – verkörpert durch Projekte wie den „Dritten Weg“ von Tony Blair oder die Agenda-Politik Gerhard Schröders – wurden Deregulierung, Privatisierung und Arbeitsmarktfexibilisierung nicht nur akzeptiert, sondern aktiv vorangetrieben.

Damit verlor die Linke ihre Rolle als politische Vertreterin der unteren Klassen.

Gleichzeitig orientierten sich viele progressive Milieus zunehmend an kulturellen und identitätspolitischen Fragen, während die materielle Klassenfrage in den Hintergrund trat. Diese Verschiebung führte zu einer neuen sozialen Spaltung zwischen urbanen, akademischen Milieus und den ökonomisch abgehängten Regionen.

In gramscianischer Perspektive lässt sich dieser Prozess als Krise der Hegemonie beschreiben. Die historische Allianz zwischen Arbeiterbewegung und progressiven Mittelschichten zerfiel, ohne dass ein neues politisches Projekt an ihre Stelle trat.

Der politische Raum blieb offen – und wurde von rechten populistischen Bewegungen besetzt.


Trumpismus als widersprüchliches Klassenprojekt

Der Trumpismus ist kein klassischer Arbeiteraufstand. Er ist ein widersprüchliches Klassenprojekt, das unterschiedliche soziale Gruppen miteinander verbindet.

Teile der deindustrialisierten Arbeiterklasse, des Kleinbürgertums und regionaler Unternehmer finden sich in einem politischen Bündnis wieder, das sich gegen die globalisierte Elite richtet. Gleichzeitig bleibt dieses Projekt fest innerhalb der kapitalistischen Eigentumsordnung verankert.

Ökonomisch äußert sich dies in Forderungen nach Protektionismus, Reindustrialisierung und staatlicher Förderung nationaler Industrien. Kulturell verbindet sich diese Politik mit konservativen Identitätsangeboten, nationalistischen Narrativen und einer autoritären Kritik liberaler Institutionen.

Der Trumpismus ist daher weniger eine revolutionäre Bewegung als eine Form des autoritären Populismus. Die reale soziale Wut über Ungleichheit und Deindustrialisierung wird politisch kanalisiert – jedoch nicht gegen das kapitalistische System selbst, sondern gegen liberale Eliten, Migration oder internationale Institutionen.

In diesem Sinne erscheint der Trumpismus als ideologisches Zerrbild eines möglichen Klassenkonflikts.


Die Grenzen von Guilluys Analyse

Christophe Guilluy hat wichtige Aspekte dieser Entwicklung beschrieben. Seine Analyse der räumlichen Spaltung westlicher Gesellschaften ist empirisch überzeugend und erklärt viele politische Dynamiken der Gegenwart.

Gleichzeitig bleibt seine Perspektive politökonomisch begrenzt. Klassenverhältnisse und kapitalistische Akkumulationsprozesse treten in seinen Arbeiten oft hinter kulturellen Konflikten zurück.

Die strukturelle Dynamik des globalen Kapitals – Produktionsverlagerung, Finanzialisierung und die wachsende Macht transnationaler Unternehmen – erscheint eher als Hintergrund denn als zentrale Erklärung.

Gerade hier kann eine marxistische Analyse ansetzen: Die politische Krise der westlichen Demokratien ist letztlich Ausdruck einer tieferen Krise des kapitalistischen Entwicklungsmodells selbst.


Perspektiven einer linken Erneuerung

Die zentrale Herausforderung für eine erneuerte Linke besteht darin, diese gesellschaftlichen Spaltungen politisch neu zu adressieren.

Erstens muss die materielle Frage wieder ins Zentrum politischer Strategien rücken. Die Lebensrealität der deindustrialisierten Regionen – stagnierende Löhne, prekäre Beschäftigung, soziale Unsicherheit – darf nicht länger als Randthema behandelt werden.

Zweitens braucht es eine neue Klassenpolitik, die urbane und periphere Räume miteinander verbindet. Eine Linke, die ausschließlich in akademischen Milieus verankert ist, wird keine gesellschaftliche Mehrheit gewinnen.

Drittens muss die politische Organisation der fragmentierten Arbeiterklasse neu gedacht werden. Gewerkschaften, soziale Bewegungen und politische Parteien stehen vor der Aufgabe, neue Formen kollektiver Interessenvertretung zu entwickeln.


Fazit: Die politische Leerstelle der Gegenwart

Der Aufstieg populistischer Bewegungen ist kein historischer Unfall. Er ist Ausdruck einer tiefen Krise der globalisierten kapitalistischen Ordnung.

Christophe Guilluy liefert wichtige Hinweise darauf, wie sich diese Krise räumlich und sozial manifestiert. Doch erst eine materialistische Analyse der Klassenverhältnisse macht verständlich, warum diese Spannungen politisch in autoritäre Richtungen kanalisiert werden.

Die entscheidende Frage unserer Zeit lautet daher nicht, warum Populismus entsteht.

Die entscheidende Frage lautet, ob es der Linken gelingt, die soziale Frage wieder ins Zentrum der Politik zu rücken – bevor autoritäre Kräfte die Wut der Verlierer endgültig monopolisieren.

In Abwandlung eines berühmten Satzes von Lenin ließe sich daher sagen: Ohne ein klares Verständnis der tiefen sozialen und identitären Krise der Arbeiterklasse wird es keine überzeugenden politischen Antworten der Linken geben.

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