Der leise Aufstand

Über den Widerstand der marokkanischen Generation Z

Der leise Aufstand

In Marokko wird selten laut protestiert. Das Land gilt als stabil, berechenbar, politisch kontrolliert. Wer nach revolutionären Gesten sucht, findet wenig. Und doch wäre es ein Missverständnis, aus dieser Abwesenheit öffentlicher Erregung auf politische Zufriedenheit zu schließen. Der Widerstand der Generation Z äußert sich nicht im offenen Konflikt, sondern in einer Vielzahl unscheinbarer, aber beharrlicher Zeichen – im Alltag, im Sprachgebrauch, an Mauern.

Eine Generation im Stillstand

Die sozialen Koordinaten dieser Generation sind widersprüchlich. Nie zuvor war der Bildungsstand junger Marokkanerinnen und Marokkaner höher, nie zuvor zugleich die Erfahrung struktureller Blockade so verbreitet. Abschlüsse garantieren keinen Berufseinstieg, Erwerbsarbeit kaum soziale Sicherheit. Ein erheblicher Teil der Jugend ist im informellen Sektor tätig oder bleibt dauerhaft ohne stabile Perspektive.

Politisch ist der Handlungsspielraum begrenzt. Parteien existieren, ohne zu mobilisieren. Wahlen finden statt, ohne Machtverschiebung. Repression tritt selten spektakulär auf, wirkt jedoch präventiv: durch Präsenz, durch administrative Verfahren, durch die Verlässlichkeit informeller Grenzen. Man weiß, was gesagt werden darf – und was nicht.

Erinnerung an 2025

2025 kam es in mehreren Städten zu sichtbaren Jugendprotesten, getragen vor allem von arbeitslosen Akademikerinnen und Akademikern sowie Studierenden. Die Forderungen waren sozial, nicht ideologisch: Zugang zu Arbeit, faire Einstiegsbedingungen, reale Zukunftsperspektiven.

Die Mobilisierungen blieben lokal und episodisch. Nationale Vernetzung entstand nicht. Wo sich Dynamik entwickelte, reagierten die Behörden mit polizeilicher Präsenz, selektiven Festnahmen und administrativem Druck. Die Proteste verschwanden aus dem öffentlichen Raum – nicht, weil der Unmut erlosch, sondern weil ihm kein dauerhafter politischer Kanal offenstand.

Gegenwart: Widerstand unterhalb der Sichtbarkeitsschwelle

Auch in der aktuellen Berichterstattung fällt weniger die Rückkehr großer Demonstrationen auf als vielmehr die Verlagerung politischer Artikulation. Zeitungen und Menschenrechtsberichte verweisen auf punktuelle Aktionen arbeitsloser Akademiker, lokale Sit-ins, studentische Proteste und vereinzelte soziale Mobilisierungen, die rasch wieder aus dem öffentlichen Raum verschwinden.

Zugleich berichten Medien über eine wachsende Diskrepanz zwischen staatlicher Investitionspolitik – etwa in Großereignisse und Infrastruktur – und den sozialen Prioritäten der jungen Generation. Die Kritik äußert sich jedoch selten in dauerhaften Straßenmobilisierungen, sondern zunehmend in kulturellen, digitalen und symbolischen Formen.

Graffiti als politische Minimalform

An die Stelle organisierter Mobilisierung trat eine reduzierte, visuelle Sprache. Graffitis, siehe unten, fungieren als politische Minimalformen: verdichtet, anonym, wiederholbar.

„علاش؟“ – Warum?

Ein einzelnes Wort genügt. Keine Forderung, kein Adressat. Die Frage bleibt offen und ist gerade dadurch kollektiv anschlussfähig. Sie markiert einen Zustand der Unverständlichkeit – nicht der Naivität.

„أنت مسؤول“ – Du bist verantwortlich.

Hier wird aus der Frage eine Anklage. Das „Du“ bleibt bewusst unbestimmt. Es verweist nicht auf eine Person, sondern auf ein strukturelles Verhältnis. Schuld wird behauptet, ohne justiziabel zu werden.

„La guerra per i nostri colori“

Die Anlehnung an die Sprache der Ultras ist kein Zufall. Fußball dient als Ersatzraum kollektiver Zugehörigkeit, dort, wo politische Zugehörigkeit entwertet ist. Farben ersetzen Programme, Loyalität ersetzt Repräsentation.

Die vermummte Figur mit Lorbeerkranz

Das anonyme Subjekt, ohne Gesicht, ohne Namen, steht für eine kollektive Existenz unter Vorbehalt. Der Lorbeer verweist nicht auf Sieg, sondern auf Würde – auf Anerkennung ohne Macht.

Palästina als Chiffre

Parolen wie „Alle arabischen Staaten sind moderat – außer Palästina“ sind weniger außenpolitische Stellungnahmen als indirekte Innenkritik. Palästina fungiert als Projektionsfläche für Ungerechtigkeit und Anpassung, als moralischer Maßstab in einer als erstarrt empfundenen Ordnung.

Alltagswiderstand und hegemoniale Erosion

Theoretisch lässt sich dieses Phänomen als Alltagswiderstand beschreiben, wie ihn James C. Scott analysiert hat: nicht konfrontativ, sondern unterlaufend, nicht organisierend, sondern persistierend. Zugleich deutet sich eine hegemoniale Erosion ohne Gegenhegemonie an. Zustimmung schwindet, ohne dass sich eine alternative Ordnung artikuliert.

Schluss

Der Widerstand der marokkanischen Generation Z ist fragmentiert, unsicher, potentiell erschöpfbar. Er verspricht noch keinen Bruch. Doch er erfüllt eine entscheidende Funktion: Er verhindert, dass autoritäre Herrschaft als Normalität erscheint.

Solange Mauern fragen, anklagen, widersprechen, bleibt Stabilität ein Zustand unter Vorbehalt.

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