Die autoritäre Kurve – warum wir nicht von Faschisierung sprechen sollten (noch nicht)

Der Begriff „Faschismus“ ist zurück. In Schlagzeilen, auf Demos, in sozialen Netzwerken. Doch was, wenn diese Wiederkehr des Begriffs weniger mit einer realen Rückkehr historischer Zustände zu tun hat – als mit einer tiefen Verunsicherung über die autoritäre Transformation des Kapitalismus im 21. Jahrhundert?
Zwischen Diskursverschiebung, staatlicher Repression, rechter Straßenmobilisierung und neoliberaler Dauerkrise wird schnell von „Faschisierung“ gesprochen. Die Rosa Luxemburg Stiftung, die parteinahe Stiftung der Partei Die Linke, und marxistische Intellektuelle wie Alex Demirovic und Mario Candeais verwenden den Begriff nicht ab und zu - sie haben eine ganze Theorie darauf aufgebaut. In Teilen der politischen Linken scheint der Begriff "Faschisierung" ganz viel zu erklären, manchmal auch das, was Merz oder Klingbeil in der Regierung entscheiden.
Sicherlich, die Symptome sind beunruhigend. Doch genau hier setzt die begriffliche Unschärfe an. Wer heute jedes Stück autoritärer Verschärfung „Faschisierung“ nennt, riskiert, das historische, analytische und strategische Profil dieses Begriffs zu verwischen. Und verkennt womöglich, wie der autoritäre Umbau der Demokratie tatsächlich funktioniert.
Was also passiert gerade – wenn es (noch) kein Faschismus ist?
Johann-Friedrich Anders schlägt in der sehr lesenswerten Zeitschrift Inprekorr vor, stattdessen von einem autoritären Übergangsprozess zu sprechen. Einem Prozess, der kein Bruch, sondern eine Transformation ist. Keine Massenbewegung der Straße – sondern ein Strukturwandel des Staates. Kein Sturmlauf gegen das Parlament – sondern ein langsames Aushöhlen seiner demokratischen Funktionen von innen.
Anders argumentiert mit Trotzki und Mandel: Faschismus ist nicht bloß autoritär. Er ist ein Bündnis zwischen Kapital und Massenbewegung mit dem Ziel, die organisierte Arbeiter:innenbewegung vollständig zu zerschlagen. Ohne diesen Bruch, ohne die Zerschlagung, ohne den massenbasierten Rammbock bleibt der Faschismusbegriff analytisch leer. Und aktuell zumindest sieht "das Kapital" in den westlichen Industrieländern keine Notwendigkeit, die organisierte Arbeiter:innenbewegung zu zerschlagen.
Jedoch, so könnte man Anders marxistisch orthodoxe Definition von Faschismus entgegenhalten, reicht es, Faschismus nur historisch zu denken? Oder brauchen wir einen Begriff, der die neue Qualität der autoritären Transformation benennt, ohne in Alarmismus oder Relativierung zu verfallen?
Hier liegt die eigentliche Herausforderung: Der autoritäre Kapitalismus von heute braucht keine faschistische Massenbewegung mehr, um durchzuregieren. Er nutzt die Repräsentationskrise, die sozialen Ängste, die Prekarisierung, die Polarisierung – und macht daraus ein neues Regierungsmodell. Eins, das rechts blinkt und neoliberal fährt. Eins, das soziale Kontrolle, Grenzregime und Überwachungssysteme perfektioniert. Eins, das nicht mehr auf den totalen Ausnahmezustand setzt – sondern auf den dauerhaften Ausnahmezustand im Normalmodus.
Die „Faschisierung“ von Diskurs und Institutionen bedeutet nicht zwangsläufig den Übergang in einen neuen Faschismus – aber sie markiert die autoritäre Kurve des bürgerlich-demokratischen Staates. Es ist keine Revolution von rechts, sondern eine Evolution des autoritären Neoliberalismus. Und sie wird nicht nur von konservativen Eliten betrieben – sondern mitgetragen von Teilen der verunsicherten Mittelschichten, Teilen der Arbeiterschaft und manch postdemokratischer Technokratie.
Die Linke tut gut daran, diese Entwicklung weder zu verharmlosen noch zu dramatisieren – sondern zu analysieren. Dazu gehört eine materialistische Analyse der Interessen, Trägerklassen und Machtblöcke. Aber auch eine begriffliche Selbstdisziplin: Nicht jeder autoritäre Reflex ist Faschismus. Nicht jeder rechte Diskurs ist eine NS-Wiedergeburt. Aber jeder autoritäre Umbau bereitet den Boden für das Undenkbare.
Und genau deshalb müssen wir heute genau hinschauen. Nicht, weil der Faschismus schon wieder vor der Tür steht. Sondern weil wir lernen müssen, ihn zu erkennen, bevor er klopft.
(c) Kritik & Praxis – Verstehen. Hinterfragen. Verändern.
Link:
https://www.inprekorr.de/644-fasch.htm
Eine theoretische Auseinandersetzung mit dem autoritären Umbau des westlichen Kapitalismus und der Theorie der "Faschisierung" habe ich in einem 22 seitigen Thesenpapier zusammengefasst. Wenn du dich dafür interessierst, abonniere einfach kostenfrei
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