Die kurdische Karte Die Vorstellung ist strategisch verlockend: Warum Washington und Jerusalem auf eine zweite Front gegen den Iran setzen – und warum sie militärisch kaum ausreichen dürfte
Wenn eine direkte Invasion politisch zu riskant erscheint, sucht man die Bodentruppen im Inneren des Gegners. Luftangriffe schwächen den Staat, lokale Kräfte führen den Krieg am Boden. Für die intervenierenden Mächte entsteht so eine scheinbar elegante Lösung: militärischer Druck ohne eigene Besatzungsarmeen.
In der aktuellen Konfrontation mit dem Iran richtet sich der Blick Washingtons und Jerusalems deshalb zunehmend auf die kurdischen Regionen im Westen des Landes. Dort existieren seit Jahrzehnten oppositionelle Organisationen, einige von ihnen militärisch organisiert, die gegen die Islamische Republik kämpfen und Autonomie oder Selbstbestimmung fordern.
Die Idee liegt auf der Hand: Eine kurdische Front könnte den iranischen Staat von innen destabilisieren.
Doch militärische Planspiele unterschätzen oft die Realität von Größe, Geographie und politischer Dynamik.
Ein Staat von kontinentaler Größe
Der Iran ist kein kleines Land, das durch einen regionalen Aufstand leicht destabilisiert werden könnte. Mit rund 90 Millionen Einwohnern gehört er zu den größten Staaten des Nahen Ostens. Die regulären Streitkräfte umfassen mehr als 500.000 aktive Soldaten, hinzu kommen mehrere Millionen Reservisten. Parallel existiert mit den Revolutionsgarden (IRGC) eine eigene militärische Struktur mit zusätzlichen paramilitärischen Kräften. Unterstützt werden sie von den Basidsch-Milizen, die im Krisenfall hunderttausende Freiwillige mobilisieren können.
Selbst wenn mehrere tausend kurdische Guerillakämpfer aktiv würden, wäre ihre militärische Wirkung daher begrenzt. Sie könnten Grenzregionen destabilisieren, iranische Sicherheitskräfte binden oder Infrastruktur sabotieren. Einen Staat dieser Größe militärisch zu besiegen, wäre damit jedoch kaum möglich.
Das Terrain des Guerillakrieges
Die kurdischen Regionen im Westen des Iran liegen im Zagros-Gebirge, einer der schwierigsten Landschaften der Region. Dieses Terrain eignet sich hervorragend für Guerillakrieg: für Hinterhalte, Sabotage und schnelle Rückzüge.
Doch genau darin liegt die strategische Grenze solcher Bewegungen.
Guerillakriege können Armeen zermürben. Sie können eine Regierung destabilisieren. Was sie nur selten erreichen, ist die Eroberung eines ganzen Staates. Große Städte einzunehmen, Verwaltungsstrukturen zu kontrollieren oder ein Land zu stabilisieren, übersteigt in der Regel die Möglichkeiten solcher Kräfte.
Eine Minderheit im Vielvölkerstaat
Hinzu kommt ein politisches Problem, das militärische Strategen oft unterschätzen. Die Kurden stellen im Iran etwa zehn Prozent der Bevölkerung. Neben ihnen leben große Bevölkerungsgruppen von Persern, Aseris, Luren, Arabern und Belutschen.
Ein kurdischer Aufstand könnte deshalb paradoxerweise das Gegenteil der gewünschten Wirkung haben. Statt das Regime zu schwächen, könnte er den iranischen Nationalismus stärken. Selbst viele Gegner der Islamischen Republik lehnen ethnische Sezession ab, weil sie den Zerfall des Staates fürchten.

Die Rolle der Geheimdienste
Trotz dieser strukturellen Grenzen gibt es Hinweise darauf, dass internationale Akteure versuchen, die kurdische Karte zu spielen. Medienberichte sprechen davon, dass kurdische Gruppen Gespräche mit den Vereinigten Staaten über mögliche militärische Unterstützung führen. In diesem Zusammenhang wird auch eine mögliche Rolle amerikanischer Geheimdienste diskutiert.
Zugleich berichten amerikanische und israelische Quellen, dass israelische Sicherheitskreise seit längerem Kontakte zu verschiedenen kurdischen Organisationen unterhalten. Wie weit diese Zusammenarbeit tatsächlich reicht, ist öffentlich schwer zu überprüfen. Klar ist jedoch, dass Geheimdienste in modernen Konflikten eine zentrale Rolle spielen: Sie knüpfen Kontakte, liefern Aufklärung, organisieren Ausbildung und schaffen logistische Strukturen.
Für externe Mächte entsteht so eine militärische Option, ohne selbst große Bodentruppen einsetzen zu müssen.
Die eigentliche militärische Logik
In einem größeren Kriegsszenario hätte eine kurdische Offensive deshalb vor allem eine unterstützende Funktion. Sie könnte eine zweite Front eröffnen und iranische Truppen in den Grenzregionen binden. Gleichzeitig würde sie die Sicherheitslage destabilisieren und Raum für verdeckte Operationen schaffen.
Doch entscheidend wäre ein anderer Faktor: Luftmacht.
Sollten die Vereinigten Staaten und Israel tatsächlich versuchen, die militärischen Strukturen des Iran systematisch zu schwächen, würde dies massive Luftangriffe erfordern – gegen Luftabwehrsysteme, Raketenstellungen, Militärbasen und Infrastruktur der Revolutionsgarden. Solche Operationen würden wahrscheinlich Wochen oder Monate dauern.
Die kurdische Front wäre dabei nur ein Element eines größeren militärischen Drucksystems.
Das ungelöste Problem der Bodentruppen
Doch selbst ein erfolgreicher Luftkrieg löst das zentrale strategische Problem nicht: die Kontrolle über ein Land.
Ein militärischer Sieg über den Iran würde früher oder später die Frage aufwerfen, wer danach Städte kontrolliert, Infrastruktur sichert und staatliche Strukturen stabilisiert. Lokale Milizen können Guerillakriege führen. Ein Land mit neunzig Millionen Einwohnern zu stabilisieren, übersteigt jedoch ihre Möglichkeiten.
Hier entsteht das strategische Dilemma.
Ein solcher Krieg würde letztlich entweder internationale Bodentruppen oder eine direkte Intervention der Vereinigten Staaten erfordern. Doch genau diese Option versuchen amerikanische Strategen seit den Erfahrungen des Irakkriegs zu vermeiden.
Der Irakkrieg kostete die Vereinigten Staaten mehr als zwei Billionen Dollar und führte zu jahrelanger militärischer Besatzung. Der Iran ist territorial rund dreimal so groß wie der Irak und hat eine deutlich größere Bevölkerung.
Eine direkte Invasion wäre daher ein geopolitisches Risiko ersten Ranges.
Ein Krieg mit vielen Fronten
Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Der Iran verfügt selbst über ein weit verzweigtes Netzwerk regionaler Stellvertreter. Dazu gehören die Hisbollah im Libanon, schiitische Milizen im Irak, die Huthis im Jemen und verschiedene bewaffnete Gruppen in Syrien.
Ein offener Krieg könnte deshalb schnell mehrere Fronten gleichzeitig eröffnen.
Gleichzeitig würde eine militärische Stärkung kurdischer Kräfte neue geopolitische Spannungen erzeugen. Für die Türkei wäre eine solche Entwicklung ein sicherheitspolitischer Albtraum. Ankara betrachtet viele kurdische Organisationen als existenzielle Bedrohung. Paradoxerweise könnte damit ausgerechnet ein NATO-Mitglied zu einem der größten Gegner dieser Strategie werden.
Die strategische Realität
Die Vorstellung einer kurdischen Bodenoffensive gegen den Iran folgt einer vertrauten Logik moderner Kriegsführung: Große Mächte versuchen, ihre geopolitischen Ziele durch lokale Stellvertreter zu erreichen.
Doch die strukturellen Realitäten des Iran machen deutlich, wie begrenzt diese Strategie ist. Eine kurdische Front könnte den iranischen Staat unter Druck setzen, militärische Kräfte binden und Instabilität erzeugen.
Allein jedoch könnte sie den Iran kaum besiegen.
Ein militärischer Sieg würde wahrscheinlich eine Kombination aus massiven Luftangriffen, Geheimdienstoperationen und möglicherweise internationalen oder amerikanischen Bodentruppen erfordern.
Genau deshalb versuchen Strategen zunächst, den Konflikt über Stellvertreterkriege zu führen.
Die Geschichte des Nahen Ostens zeigt jedoch, dass solche Strategien selten so kontrollierbar bleiben, wie ihre Planer hoffen.
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