Die Sprache der Klasse – Ines Schwerdtner und das Comeback des Sozialismus

Von Sascha Schlenzig

„Ich war das ostdeutsche Kind mit dem sächsischen Akzent.“ Wer so über sich spricht, macht seine Geschichte zur Methode. Ines Schwerdtner ist nicht einfach nur Vorsitzende einer kriselnden Partei. Sie ist eine politische Figur, deren Körper, Biografie und Stimme die Klassenfrage neu ins Zentrum rücken. Ohne Pathos, ohne Pose – aber mit Klarheit. Und vielleicht ist das heute schon eine Form des Widerstands.

Ihre Biografie als Bruchstelle des Politischen

Ines Schwerdtners Geschichte beginnt mit einem Verlust: dem Zerfall der Familie in Folge der Wende. Das ist kein Einzelfall, sondern ein kollektives Trauma, das Hunderttausende Ostdeutsche teilen. Ihr Vater, einst Schiffskoch und Heizer, stirbt früh. Ihre Mutter, einst Arbeiterin in der Spinnerei von Werdau, wird arbeitslos. Die Familie zieht nach Hamburg, das Kind verliert Sprache, Ort und Sicherheit – und lernt: soziale Herkunft ist kein romantischer Boden, sondern Kampfzone.

In dieser Geschichte verbinden sich die großen Linien der deutschen Geschichte mit den kleinen Widersprüchen des Alltags. Die „innere Einheit“ bleibt für viele Ostdeutsche ein Schlagwort – ökonomisch nie vollständig eingelöst, kulturell nie angekommen. Schwerdtners Reflexion über den sächsischen Akzent als Stigma verweist auf die tiefe Symbolik von Sprache, Klasse und Macht. Sprache entscheidet darüber, ob du gehört wirst. Oder verlacht.

Klassenpolitik ohne Nostalgie

Was Schwerdtner von vielen anderen unterscheidet, ist nicht ihr Marxismus – sondern wie sie ihn spricht. Keine verkopfte Replik auf Althusser oder Rosa Luxemburg. Sondern: „Ich habe viel RTL2 geguckt.“ Wer so spricht, hat verstanden, dass politische Glaubwürdigkeit nicht in Zitaten entsteht, sondern in geteilten Erfahrungen.

Ihr Versuch, Die Linke als „organisierende Klassenpartei“ neu aufzustellen, ist mehr als ein strategisches Label. Es ist eine politische Kampfansage an zwei Richtungen: einerseits an das linksliberale Milieu, das sich lieber um Symbolpolitik als um Mieterrechte kümmert. Andererseits an den linken Konservatismus à la Wagenknecht, der Klassenpolitik nur dann ernst nimmt, wenn sie ohne Antirassismus auskommt. Schwerdtner versucht, diesen falschen Widerspruch zu überwinden.

Der zentrale Satz in diesem Zusammenhang: „Ich finde, man kann über die Arbeiterschaft sprechen, ohne rückschrittlich zu werden.“ Das ist die rote Linie, die ihre Politik durchzieht – und zugleich eine große Herausforderung: Wie spricht man von Klasse, ohne jene, die sich nicht als „klassisch“ identifizieren, auszuschließen? Wie organisiert man „alle Arbeitenden“, wenn prekäre Akademikerinnen und Leiharbeiter sich kaum begegnen?

Organisieren statt retten

In Schwerdtners Politik geht es nicht um Erlösung, sondern um Organisation. Der Verweis auf die KPÖ oder den PTB (Belgien) ist kein Zufall: Beides Parteien, die mit pragmatischen Kampagnen, Kümmererpolitik und harter Verankerung vor Ort Erfolg hatten. Keine 360-Grad-Rhetorik, keine inszenierte Empörung. Sondern: Sozialsprechstunden, Haustürgespräche, Anträge auf Mieter*innenschutz.

Was bei der KPÖ als kommunaler Pragmatismus erscheint, ist bei Schwerdtner strategisch aufgeladen: „Helfen, organisieren, kämpfen“ – dieser Dreiklang soll die Linke vom moralisierenden Mahnmal zur handlungsfähigen Alternative machen. Entscheidend ist: Es geht nicht darum, nur ansprechbar zu sein. Sondern darum, aus Begegnung Organisation zu machen. Nicht bloß Hilfe, sondern Kollektivität.

Medienmacht, Sprache und revolutionäre Freundlichkeit

Spannend ist auch, wie bewusst Schwerdtner mit Sprache und Medien arbeitet. Die Geschichte vom „Tax the Rich“-T-Shirt, das Jan van Aken trug, ist mehr als eine Anekdote. Es ist eine Reflexion über politische Zeichen: Manchmal genügt ein gut gesetztes Bild, um eine ganze Strategie sichtbar zu machen.

Und doch warnt sie: Wer sich nur noch auf vorformulierte Talking Points verlässt, verliert das Denken. In einer Medienlandschaft, in der Reichweite oft alles ist, besteht ihre Revolution darin, sich die Zeit zum Nachdenken zu nehmen. Deshalb schreibt sie, will den Podcast Hyperpolitik wieder aufnehmen, Newsletter starten. Theorie als Werkzeug, nicht als Selbstzweck. Die revolutionäre Freundlichkeit, die sie propagiert, gilt vor allem nach innen: eine Kultur des Respekts, des Zusammenhalts. Gegenüber politischen Gegnern dagegen herrscht Klartext: „Meine Freundlichkeit endet an der Tür zur CDU.“

Die Linke als Möglichkeitsform

Schwerdtner steht für eine Idee von Partei, die heute selten geworden ist: nicht nur Repräsentation, sondern Werkzeug. Nicht nur Stimme, sondern Organ. Ihre Stärke liegt nicht in Utopien, sondern in der Beharrlichkeit. Sie glaubt, dass Klassenbewusstsein gemacht werden muss. Dass politische Sprache geübt werden muss. Dass eine Partei lernen kann, zu kämpfen – wenn sie sich zuerst wieder traut zu fühlen.

Ob das gelingt, ist offen. Die AfD gewinnt weiter Arbeiter*innen. Die SPD verlernt soziale Sprache. Die Gewerkschaften bleiben defensive Bollwerke. In diesem Trümmerfeld des Fortschritts sagt Ines Schwerdtner: „Wir versuchen es trotzdem.“ Und manchmal ist das der radikalste Satz überhaupt.

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Zum vollständigen Interview mit Ines Schwerdtner auf freitag.de:

https://www.freitag.de/.../linke-vorsitzende-ines...

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