Die Theorie, die nichts will – Die Neue Marx-Lektüre und ihr blinder Fleck
Am Anfang war das Missverständnis. Nicht von Marx – sondern über Marx. Was er schrieb, blieb, so der Vorwurf, seinen Lesern lange verschlossen. Die „Neue Marx-Lektüre“, geboren im westdeutschen Universitätsmilieu der späten 1960er Jahre, setzte sich das hehre Ziel, den Schleier zu lüften. Sie wollte den Text retten, wo die Bewegung gescheitert war. Und so begann ein philologisches Abenteuer: Wertform, Fetischismus, abstrakte Arbeit, gesellschaftliche Vermittlung – Begriffe wurden seziert, rekontextualisiert, neu codiert. Die Theorie sollte befreit werden – aus den Fängen des Engelsismus, der Parteidogmatik, des ökonomistischen Subjektkults.
Fünfzig Jahre später zieht Johann Friedrich Anders Bilanz – und sie fällt bitter aus. In seinem polemisch zugespitzten Text „Die Neue Marx-Lektüre – Anspruch und Wirklichkeit“ entlarvt er die Bewegung, die sich einst als revolutionäre Neubegründung verstand, als ein akademisches Endlosprojekt ohne Erkenntnisziel. Die NML, so Anders, sei in eine Falle getappt, die sie selbst gelegt habe: die Formkritik sei zur Formstarre geworden. Die Revolution zur Fußnote. Die marxistische Theorie zur Selbstvergewisserung im Elfenbeinturm.
Die Kritik der Kritik
Anders’ Kritik ist dreifach. Erstens: Die Neue Marx-Lektüre verwechselt wissenschaftliche Präzision mit politischer Relevanz. Wer sich an der Frage aufreibt, ob Marx zuerst „Wert“ oder „Ware“ sagen wollte, der mag ein philologisches Problem lösen, aber kein gesellschaftliches. Die Idee einer „adäquaten Theorie“ – verstanden als immer weiter verfeinerte Textdeutung – verkommt zur Wissenschaft um der Wissenschaft willen. „L’art pour l’art“, nennt es Anders, und meint: Was hier glänzt, ist oft bloß der Lack akademischer Selbstbespiegelung.
Zweitens: Die NML scheitert an sich selbst. Ihre zentrale Leistung, die Wertformanalyse, bleibt nach eigenen Maßstäben unfertig, widersprüchlich, unklar. Backhaus, Reichelt, Heinrich – sie alle widersprechen einander, ohne dass daraus mehr als neue Kontroversen entstehen. Die Rekonstruktion produziert kein Fundament, sondern ein Kaleidoskop. Am Ende steht nicht Erkenntnis, sondern „Konfusion“, wie Anders pointiert formuliert.
Drittens: Der Bezug zur kapitalistischen Realität fehlt. Nirgendwo bei Backhaus, nirgends bei Heinrich liest man etwas über den Postfordismus, die Weltmarktdiktatur, die Subjektivierung von Arbeit oder die realen Krisenprozesse des Kapitals im 21. Jahrhundert. Die Theorie bleibt im Text. Die Welt kommt nicht mehr vor.
Die vergessene Praxis
Doch Anders geht es nicht nur um einen wissenschaftstheoretischen Vorbehalt. Sein Maßstab ist ein anderer – und das macht seine Kritik so scharf und notwendig. Er fragt: Was muss Theorie leisten, wenn sie emanzipatorisch sein will? Und er antwortet marxistisch: Sie muss helfen, den Kapitalismus zu überwinden. Das ist kein instrumentelles Argument, kein billiger Aktivismus. Es ist die konsequente Anwendung des Marxschen Gedankens: Theorie ist Kritik, weil sie in der Geschichte steht, nicht über ihr.
Wenn aber Theorie sich abschließt, wenn sie in sich selbst kreist und den Zweck der Veränderung vergisst, wird sie zur Ideologie. Sie redet in Kategorien, die niemand mehr versteht, und wundert sich über mangelnde Wirksamkeit. Sie denkt „gegenständliche Vermittlung“, aber nicht darüber, wie Menschen kämpfen. Sie rekonstruiert „Fetischismus“, aber nicht seine Überwindung.
Zwischen Analyse und Aktion
Doch darf man Anders’ Urteil nicht unhistorisch übernehmen. Denn die Neue Marx-Lektüre entstand aus einer realen Krise: dem Scheitern des real existierenden Sozialismus, dem Dogmatismus der Parteien, der Verflachung des Marxismus zur Wachstumstheorie mit Umverteilungsziel. In dieser Situation war die radikale Rückbesinnung auf die Kategorien der Kritik der politischen Ökonomie ein Akt der Befreiung – auch intellektuell. Die NML hat Marx nicht verdunkelt, sondern vielfach zum ersten Mal ernst genommen – als Denker der gesellschaftlichen Form, nicht der mechanischen Gesetze.
Und doch: Wer die Kategorien befreit, muss sie auch wieder freilassen. Muss sie mit der Realität konfrontieren. Muss fragen: Wie hilft uns die Wertformanalyse, Amazon zu verstehen? Was sagt der Begriff „abstrakte Arbeit“ über TikTok-Content-Moderation aus? Wie bringt uns die Debatte über Marx’ Hegel-Rezeption in den Klassenkämpfen der Gegenwart weiter? Wer auf diese Fragen keine Antwort hat, bleibt in der Vergangenheit stecken.
Der blinde Fleck: das revolutionäre Subjekt
Der tiefste Mangel der NML liegt vielleicht in der Leerstelle, die sie nicht sieht: das revolutionäre Subjekt. Indem sie mit Engels auch die Arbeiterklasse verabschiedet – zumindest als ontologischen Bezugspunkt –, lässt sie oft nur die Struktur übrig. Doch Kapitalismus ist nicht nur Struktur. Er ist Kampf. Er ist Geschichte. Er ist Krise. Und ohne Subjekte, die diese Geschichte machen – bewusst, organisiert, widersprüchlich –, bleibt jede Theorie leer.
Was es braucht, ist nicht die Rückkehr zum einfachen Marxismus. Sondern eine Theorie, die Formkritik mit Praxis verbindet. Die Kategorien nicht nur dekonstruiert, sondern strategisch verwendet. Die nicht fragt: „Was wollte Marx sagen?“ – sondern: „Was braucht die Revolution heute, um zu verstehen, wie sie siegen kann?“
Der Weg nach Marx – nicht zurück zu ihm
Die Neue Marx-Lektüre hat gezeigt, dass Marx nicht einfach ist. Dass seine Theorie der gesellschaftlichen Vermittlung radikaler ist als jede Alternativlosigkeit. Dafür gebührt ihr Anerkennung. Aber sie hat vergessen, dass Theorie ein Mittel ist – nicht das Ziel. Dass Klarheit nicht in Fußnoten wächst, sondern in Kämpfen. Dass Wertkritik nur dann ihren Namen verdient, wenn sie die Welt verändert.
Es ist Zeit, Marx wieder als Autor von Weltveränderung zu lesen. Nicht als Textkorpus. Sondern als Ausgangspunkt für eine neue Theorie-Praxis. Für ein Denken, das nicht nur fragt: „Was ist Kapital?“, sondern endlich wieder:
„Wie kommen wir da raus?“
(c) Kritik & Praxis – Verstehen. Hinterfragen. Verändern.
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