Ernte ohne Rechte. Oder: Wenn der Spargel wichtiger wird als der Mensch.

Von Sascha Schlenzig
Sie kommen in Bussen aus dem Osten. Schlafen in Containern. Pflücken Spargel bei Sonnenaufgang. Und jetzt sollen sie auch noch auf den Mindestlohn verzichten.
Willkommen in der deutschen Landwirtschaft – wo der Spargel mehr zählt als der Mensch.
Der Deutsche Bauernverband fordert, Saisonarbeiter:innen künftig nur noch 80 Prozent des gesetzlichen Mindestlohns zu zahlen, also die geplante Erhöhung auf 15 Euro nicht zahlen müssten. Bundesagrarminister Alois Rainer (CSU) zeigt sich offen. Seine Fachleute prüfen, ob sich das rechtssicher umsetzen lässt. Was hier als „Sorge um den Agrarstandort“ verkauft wird, ist in Wahrheit der Versuch, staatlich garantierte Überausbeutung zu legalisieren.
Doch die Debatte wird verkehrt herum geführt. Nicht gefragt wird: Ist es gerecht, Menschen unter dem Existenzminimum schuften zu lassen? Sondern: Wie retten wir den deutschen Spargel? Die Lebensrealität derjenigen, die ihn ernten, kommt kaum vor.
Was aber, wenn es stimmt? Wenn einige Produkte bei 15 Euro Mindestlohn nicht mehr wirtschaftlich produziert werden können? Dann ist nicht der Lohn zu hoch – sondern ist das ökonomische Modell kaputt.
Ein Betrieb, der nur existieren kann, weil Menschen unterbezahlt werden, ist kein zukunftsfähiger Betrieb. Er ist ein Geschäftsmodell auf Kosten der Schwächsten. Kein Apfel, kein Erdbeerfeld, kein Weinberg rechtfertigt, dass Menschenrechte geopfert werden – für Margen, für Märkte, für Milchpreise.
Die Wahrheit ist: Nicht die Löhne ruinieren die Betriebe, sondern die Macht der Supermarktketten. Sie diktieren Einkaufspreise, während Landwirt:innen unter Druck geraten – und nach unten treten: zu den Erntehelfer:innen.
Das eigentliche Problem heißt also nicht „Mindestlohn“, sondern Profitkette. Und die Lösung heißt nicht „Ausnahmen“, sondern:
- Faire Abnahmepreise gesetzlich durchsetzen.
- Subventionen an menschenwürdige Arbeit koppeln.
- Handelsmargen deckeln, nicht Menschen entwerten.
Denn wer heute den Mindestlohn aushebelt, öffnet die Schleusen: für Paketdienste, für Reinigungsfirmen, für Pflegekräfte. Der Mindestlohn wird dann nicht mehr Grenze nach unten, sondern Spielraum für Ausnahmen.
Ausnahmen, die sich vor allem dort durchsetzen, wo Migrant:innen arbeiten – wo kaum jemand klagt, niemand organisiert ist, und alles darauf angelegt ist, dass diese Menschen wieder verschwinden, bevor der Protest beginnt.
Das ist keine soziale Landwirtschaft – das ist koloniales Denken mit deutschem Gütesiegel.
Es geht also nicht nur um 20 Prozent weniger Lohn. Es geht um die Frage: Wieviel ist uns ein Menschenrecht wert? Und wer entscheidet darüber?
Wenn die Antwort lautet: „Kommt drauf an, woher du kommst“ – dann ist der Rechtsstaat nicht mehr viel wert.
Deshalb gilt: Produkte dürfen nicht billiger sein als Menschenrechte. Wer das nicht garantieren kann, sollte keinen Euro Förderung erhalten.
Die Wahl liegt nicht bei den Erntehelfer:innen – sondern bei uns.
Bei der Politik.
Bei den Supermärkten.
Bei allen, die billig kaufen und teuer schweigen.
Wenn die Regierung den Mindestlohn aushöhlt, ist es an uns, ihn zu verteidigen –
auf dem Feld, im Parlament, an der Supermarktkasse.
(c) Kritik & Praxis - Verstehen. Hinterfragen. Verändern
Du magst meine Artikel, Essays und Thesenpapiere – jetzt kannst du mehr davon direkt ins Postfach bekommen!