Frankreich taumelt
von Sascha Schlenzig und Marc Dormoy
Frankreich steht am Abgrund. Am 8. September muss Premier François Bayrou im Parlament das Vertrauen suchen – und alles spricht dafür, dass er es verliert. Wenn das passiert, muss Emmanuel Macron ihn entlassen. Und dann? Dann steht das Land da: ohne Regierung, ohne Mehrheit, ohne Haushalt. Ein Land im freien Fall. Doch diesmal geht es nicht nur um Bayrou. Immer mehr Stimmen fordern inzwischen den Rücktritt von Emmanuel Macron selbst. Noch vor ein paar Monaten war das undenkbar, heute ist es politische Realität. Was hier zerbricht, ist nicht nur eine Regierung, sondern die gesamte Fünfte Republik.
Macron am Ende
Macron hat die Menschen verloren. Einst inszenierte er sich als Hoffnungsträger der Mitte, heute ist er nur noch ein Präsident im Abseits: gehasst auf der Straße, blockiert im Parlament, isoliert in den Institutionen. Auch das alte Parteiensystem ist in Scherben gefallen. Die Konservativen sind nur noch eine leere Hülle, die Sozialdemokraten spielen keine Rolle mehr. Übrig geblieben sind zwei Pole: auf der einen Seite Marine Le Pen, die den autoritären Ausweg verspricht – nationale Einheit, Ordnung, Fremdenhass. Auf der anderen Seite Jean-Luc Mélenchon, der die Wut von unten aufnimmt, gegen Austerität, für soziale Rechte, aber auch mit Ambivalenzen wie pro-russischen Flirts und anti-europäischen Tönen. Frankreich steckt in einer Hegemoniekrise: niemand hat mehr eine klare Mehrheit, das System kann nicht mehr regieren wie bisher.
Zahlen, die weh tun
Die nackten Zahlen zeigen die Tiefe dieser Krise. Frankreich ist mit 116 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verschuldet, das Defizit liegt bei 5,4 Prozent, Jahr für Jahr fließen 44,5 Milliarden Euro nur für Zinsen an die Banken. Die Finanzmärkte haben längst reagiert. Französische Bankaktien sind abgestürzt, Staatsanleihen gelten riskanter als die italienischen, eine historische Premiere. Die Rendite für zehnjährige Anleihen liegt bei über 3,5 Prozent. Für das kommende Jahr wird nur noch ein Wachstum von 0,9 Prozent erwartet, die Reallöhne steigen kaum mehr als 0,7 Prozent, während die privaten Haushalte bereits mit 95 Prozent ihres Jahreseinkommens verschuldet sind. All das bedeutet: Milliarden fließen in die Taschen der Gläubiger, während für Schulen, Wohnungen und Krankenhäuser kaum noch etwas bleibt. Und die Antwort der Regierung? Noch mehr Kürzungen.
Feiertage sollen gestrichen, Renten eingefroren, öffentliche Dienste abgebaut werden. Das ist kein Reformkurs, das ist offener Klassenkampf von oben.
Alltag im sozialen Ausnahmezustand
Noch härter spürbar wird die Krise im Alltag. Familien geben inzwischen über 40 Prozent ihres Einkommens für Miete aus, junge Menschen schlafen in Zelten, in Paris bilden sich Schlangen vor Sozialwohnungsbüros. Auch wenn die offizielle Inflationsrate zurückgegangen ist, bleiben die Preise für Lebensmittel und Energie hoch. Millionen Menschen stehen an der Supermarktkasse und rechnen nicht mehr, was sie einkaufen, sondern was sie sich nicht mehr leisten können. Fleisch verschwindet vom Teller, Heizungen bleiben kalt, die Angst vor der nächsten Rechnung bestimmt den Alltag. Über 20 Prozent der Beschäftigten arbeiten in befristeten Jobs oder im Niedriglohn, Plattformarbeit schafft permanente Unsicherheit und verhindert jede Zukunftsplanung. Jede fünfte Person in Frankreich lebt inzwischen unter der Armutsgrenze. Die Zahl der Menschen, die Essensausgaben benötigen, hat sich seit 2019 verdoppelt. Die Jugend kennt kaum noch Perspektiven. Universitäten sind überfüllt, Ausbildungsplätze fehlen, Wohnungen sind unbezahlbar. Wer jung ist, kennt nur Schulden und Unsicherheit. Selbst nach einem Leben voller Arbeit reicht es für viele nicht. Rentnerinnen und Rentner stehen heute vor der Wahl: heizen oder essen.
Das ist nicht abstrakt, das ist die soziale Realität. Und genau deshalb explodiert die Wut. Frankreich kennt es, nicht zu kuschen. 1936 erkämpften Arbeiterinnen und Arbeiter die 40-Stunden-Woche und den bezahlten Urlaub. 1968 legte ein Generalstreik das Land lahm. 1995 stoppten Massenproteste eine Rentenreform. 2018 verwandelten die Gelbwesten Kreisverkehre in Barrikaden und politische Bühnen. Heute knüpft die Bewegung „Bloquons tout“ daran an.

Eine Bewegung der Mehrheit
Diese Bewegung ist kein Randphänomen. Sie ist dezentral entstanden, auf Telegram, auf TikTok, verstärkt in Nachbarschaftsversammlungen. Gewerkschaften spielen eine ambivalente Rolle, doch SUD-Rail, Teile der CGT, Apotheken, Taxis und Pflegekräfte sind dabei. Politisch sichtbar ist vor allem La France Insoumise, flankiert von Kommunisten, Grünen und Sozialisten. Der Rassemblement National bleibt passiv, um später von der Wut profitieren zu können. Die Basis ist breit: prekär Beschäftigte, Arbeiterinnen, Studierende, Rentnerinnen – aber auch die frustrierte Mittelschicht, die im Symbol des „Nicolas“ ihre eigene Erfahrung gespiegelt sieht: Ich arbeite, aber ich zahle nur für die Krise.
Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. 63 Prozent der Bevölkerung unterstützen die Proteste, 58 Prozent befürworten konkret die Aktionen am 10. September, 70 Prozent fordern den Rücktritt von Macron und Neuwahlen. Das ist keine Minderheit, das ist die Mehrheit. Frankreich ist eine Gesellschaft in Aufruhr.
Wer lenkt den Zug ?
Die Rufe nach Macrons Rücktritt zeigen: Es geht längst nicht mehr um ein Haushaltsgesetz oder einen Premierminister. Es geht um das ganze System. Die Fünfte Republik steckt in der tiefsten Krise seit ihrem Bestehen.
Frankreich taumelt, nicht zufällig, sondern folgerichtig. Der Macronismus war der letzte Versuch, das alte Modell der Eliten zu retten. Er ist gescheitert. Jetzt stellt sich die entscheidende Frage: Wer füllt das Vakuum? Wird es die autoritäre Rechte sein, die Ordnung und Opfer verspricht? Oder wird es eine gesellschaftliche Mehrheit sein, die Würde, soziale Rechte und Solidarität erkämpft?
Frankreich steht am Bahnsteig der Geschichte. Der Zug rollt schon in den Bahnhof. Aber diesmal geht es nicht nur darum, wer einsteigt. Es geht darum, wer den Zug lenkt. Und dafür braucht es Mut. Mut den politischen und wirtschaftlichen Eliten ins Gesicht zu sagen: Euer System endet jetzt.
Paris, 27.August 2025
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