Fritz Bauer zum 122. Geburtstag: Der Staatsanwalt, der dem Recht nicht traute

Fritz Bauer wurde am 16. Juli 1903 geboren – in eine Welt, die ihn nicht wollte. Und als er 1968 starb, wollte sie ihn immer noch nicht. Dazwischen: ein Leben als Stachel im Fleisch der deutschen Nachkriegsgesellschaft.

Er war Jurist – aber kein Justizmensch. Staatsanwalt – aber kein Staatsdiener. Ein Sozialist, Jude, Homosexueller, Remigrant. Einer, der dem Rechtsstaat misstraute, weil er wusste, wie wenig Gerechtigkeit er brachte, wenn es um die Verbrechen der eigenen Eliten ging.

Als hessischer Generalstaatsanwalt war Bauer der wichtigste Antreiber der Frankfurter Auschwitz-Prozesse. Er zwang eine ganze Republik, sich selbst anzusehen. Und weil er wusste, dass man in der Bundesrepublik Nazi-Verbrecher eher beförderte als verfolgte, tat er das Undenkbare: Er verriet den Aufenthaltsort Adolf Eichmanns nicht den deutschen Behörden, sondern dem israelischen Mossad. Ein Rechtsbruch? Vielleicht. Aber ein Akt höherer Moral.

Bauer lebte ein Leben der Doppeldeutigkeit. Nach außen Justizbeamter, im Inneren Dissident. Ein Mann, der im Archiv der Täter wühlte und auf die Archive der Republik stieß. Hinter jedem Schreibtisch ein Ex-NSDAP-Mitglied, in jeder Kammer ein Schweigen, das organisiert war. Bauer war unbequem – nicht nur wegen seiner Ermittlungen, sondern weil er den Mythos der „Stunde Null“ zerstörte.

Und doch war er einsam. Als homosexueller Mann musste er schweigen, während er Wahrheit forderte. Paragraph 175 bedrohte sein Privatleben, während er öffentlich Moral einforderte. Er kämpfte gegen einen Apparat, der ihn benutzte, aber nie schützte. Nicht politisch. Nicht juristisch. Nicht menschlich.

Am 1. Juli 1968 fand man Fritz Bauer tot in seiner Frankfurter Wohnung. Badewanne, Schlafmittel, Kreislaufversagen – so hieß es. Unfall, erklärten die Akten. Doch viele glaubten nicht daran.

Zu viele Feinde. Zu viele Drohungen. Zu viele, die Grund gehabt hätten, ihn zum Schweigen zu bringen. Vielleicht wurde er nicht ermordet. Aber er starb an den Verhältnissen. An einer Gesellschaft, die Aufklärung als Störung empfand. An einem System, das Täter schützte – und ihre Ankläger isolierte.

Heute, 121 Jahre nach seiner Geburt, ist Fritz Bauer eine Ikone. Seine Statue steht vor Gerichten, sein Name in Schulbüchern. Und doch bleibt er fremd in diesem Land. Denn was er forderte, hat es nie eingelöst: Wahrheit ohne Kalkül. Gerechtigkeit ohne Rechenbuch. Aufarbeitung ohne Selbstbetrug.

Wer ihn heute feiert, sollte fragen, wen er heute zum Schweigen bringt. Ob man den Julian Assanges von heute glaubt. Den Whistleblowern, den Dissidenten, den Unbequemen. Denn Bauers Vermächtnis ist kein Denkmal – es ist eine offene Wunde.

Er sagte: „Nichts gehört der Vergangenheit an – alles ist Gegenwart und kann wieder Zukunft werden.“ Ein Satz wie eine Warnung. Eine, die wir hören sollten.

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