Gaza - Profit mit dem Völkerrecht: Die neue Ökonomie des Genozids

Die Bilanz der Barbarei

„Wenn Unternehmen von Zerstörung profitieren, wird aus Marktlogik Mittäterschaft.“ Dieser Satz steht nicht im neuen UN-Bericht zum Gazakrieg – aber er beschreibt seine Essenz. Francesca Albanese, Sonderberichterstatterin für die Menschenrechtssituation in den besetzten palästinensischen Gebieten, legt in ihrem Report vom Juni 2025 dar: Israel betreibt nicht mehr nur eine Ökonomie der Besatzung, sondern ist übergegangen zur „Ökonomie des Genozids“. Und sie ist durchzogen von Lieferketten, Kapitalflüssen und Managemententscheidungen internationaler Konzerne. Die Logik der Vertreibung wird zur Logistik des Auslöschens.

Benannt werden mehr als 45 Unternehmen. Darunter globale Player wie:

  • Lockheed Martin (Kampfjets F-35 und F-16)
  • Palantir (KI-Kriegssoftware, predictive policing)
  • Elbit Systems, IAI (Drohnen, Waffen, Überwachung)
  • Microsoft, Amazon, Google (Cloud-Infrastruktur für das Militär)
  • Caterpillar, Hyundai, Volvo (Abrissmaschinen für Hauszerstörungen)
  • Maersk (Transport militärischer Güter)
  • Heidelberg Materials (illegaler Rohstoffabbau für Siedlungsbau)
  • Carrefour, Booking.com, CAF (Siedlungsinfrastruktur)

Diese Konzerne liefern die Hardware und Software für ein System, das Lebensgrundlagen zerstört, Ressourcen plündert und Menschen entrechtet – vom Gazastreifen bis zur Westbank.


High-Tech-Apartheid als Geschäftsmodell

Die Struktur der Anklage ist klar: Israel setzt eine doppelte koloniale Logik um – Vertreibung und Ersetzung. Und diese wird zunehmend privatisiert, digitalisiert und globalisiert. Rüstungskonzerne vermarkten ihre Produkte als „battle-tested“. KI-Firmen wie Palantir liefern automatisierte Tötungsalgorithmen. Cloud-Anbieter stellen ihre Rechenzentren für militärische Echtzeitdaten bereit. Microsoft, Amazon und Google sind tief in das Projekt Nimbus eingebunden – das digitale Nervensystem der israelischen Kriegsmaschinerie.

Caterpillar liefert Bulldozer, die in Gaza Menschen lebendig begraben. Heidelberg Materials betreibt Steinbrüche auf geraubtem palästinensischen Land. Maersk transportiert Waffenteile, Fanuc liefert Robotik für Munitionsfabriken. Es ist eine globalisierte Infrastruktur der Vernichtung.

Und sie ist profitabel. Israels Militausgaben stiegen 2024 um 65 %. Die Aktienkurse der beteiligten Unternehmen zogen mit. Zerstörung wird zur Dividende. Gaza zur Blaupause für die Rüstung von morgen.


Die marxistische Lektion: Kapitalistische Gewaltverhältnisse entgrenzen sich

Was der Bericht aus marxistischer Perspektive offenbart, ist keine Entgleisung – es ist ein struktureller Normalfall in der Endstufe: Kapitalismus als organisierte Verantwortungslosigkeit. Oder mit David Harvey: accumulation by dispossession. Es geht nicht nur um Überwachung und Kontrolle, sondern um aktive Enteignung – von Boden, von Wasser, von Leben.

Die Komplizenschaft von Unternehmen in imperialer Gewalt ist historisch nicht neu. Aber sie hat eine neue Qualität erreicht: mit überstaatlichen Technologiekonzernen, globalen Lieferketten und militärisch-industriellen Plattformen. Die Struktur der Apartheid wird nicht nur administriert, sie wird in Echtzeit automatisiert – mit Predictive Policing, Facial Recognition, Drohnenschwärmen.

Es ist das, was Achille Mbembe als necropolitics bezeichnet: Die Macht, über Leben und Tod zu entscheiden, wird ausgelagert an private Akteure. „Collateral Damage“ wird zur Kapitalrendite.


Von Boykott zur Gegengewalt der Aufklärung

Was folgt daraus? Der Bericht ist nicht nur ein juristisches Dokument. Er ist ein Instrument des Widerstands. Er legitimiert Boykott, Streik, Aufklärung – konkret, international, strategisch.

– Gegen Heidelberg Materials: Kein Baustoff auf gestohlenem Land. – Gegen Palantir und Microsoft: Keine KI für Apartheid. – Gegen Maersk, Volvo, Caterpillar: Stoppt die Lieferketten des Kriegs.

Diese Unternehmen agieren in unseren Städten, Hochschulen, Behörden. Sie müssen mit zivilem Ungehorsam, rechtlichen Klagen, medialem Druck und politischem Protest konfrontiert werden. Die BDS-Bewegung ist nicht radikal – sie ist notwendig.


Kein Frieden ohne Bruch mit dem Kapital

Die „Ökonomie des Genozids“ ist die letzte Entblößung dessen, was Marx „ursprüngliche Akkumulation“ nannte. Aber sie geschieht nicht im 16. Jahrhundert – sondern mit Servern von Amazon und Chips von Palantir. Die Barbarei ist nicht Rückfall. Sie ist Fortschritt unter kapitalistischen Vorzeichen.

Francesca Albaneses Bericht ist ein Weckruf: Nicht nur Israel muss sanktioniert werden – sondern auch die Konzerne, die diesen Krieg möglich machen. Die Entscheidung fällt nicht allein in Den Haag. Sie fällt in Rathäusern, Gewerkschaften, Konsumbüros, und in unseren Köpfen.

Denn solange Elbit, Heidelberg, Google & Co. von Tötung profitieren, ist keine Gerechtigkeit möglich.


(c) Kritik & Praxis – Verstehen. Hinterfragen. Verändern.

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Link zum Bericht:

https://www.ohchr.org/sites/default/files/documents/hrbodies/hrcouncil/sessions-regular/session59/advance-version/a-hrc-59-23-aev.pdf

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