Gegen die resignative Linke: Warum die Rede vom „verlorenen Krieg“ falsch ist

Gegen die resignative Linke: Warum die Rede vom „verlorenen Krieg“ falsch ist

Immer wieder wird die Behauptung aufgestellt, die Ukraine hätte den Krieg defacto verloren, jüngst auf Facebook in einer Diskussion mit Ingar Solty..

Die Behauptung, der Krieg in der Ukraine sei „verloren“, ist jedoch keine nüchterne Analyse, sondern eine politische Setzung. Sie ersetzt Analyse durch Gewissheit und zwingt eine Konsequenz auf, die sie selbst erst erzeugt: Kapitulation als Vernunft. Wer so spricht, interveniert – nicht beschreibend, sondern normativ. Und diese Intervention ist falsch.

1. Russland hat seine Kriegsziele nicht erreicht.

Der ukrainische Staat existiert. Kiew steht. Die Front ist brutal, statisch, verlustreich – aber sie ist kein militärischer Zusammenbruch. Selbst westliche Militäranalysen sprechen von einem Patt, nicht von einer entschiedenen Niederlage. „Verloren“ sagt nur, wer aufhören will, hinzusehen.

2. Besonders problematisch ist die Behauptung, der Krieg werde „auf dem Rücken einer Bevölkerung verlängert, die ihn nicht mehr will“.

Das ist empirisch nicht gedeckt. Ja, die ukrainische Gesellschaft ist erschöpft. Ja, sie sehnt sich nach Frieden. Aber sie will keinen Frieden um den Preis der Unterwerfung. Die Mehrheit lehnt territoriale Abtretungen ab. Sie verlangt Sicherheitsgarantien, Souveränität, Schutz vor Russland. Wer daraus einen kollektiven Kapitulationswillen konstruiert, ersetzt reale gesellschaftliche Ambivalenz durch einen behaupteten Klassenwillen. Das ist kein Materialismus, sondern Projektion.

3. Auch das Klassenargument, so moralisch aufgeladen es daherkommt, bleibt einseitig. Natürlich zahlt die ukrainische Arbeiterklasse einen ungeheuren Preis. Natürlich gibt es Zwangsrekrutierung. Natürlich werden russische Arbeiter verheizt. Natürlich drohen auch in Europa soziale Kosten. Aber die entscheidende Frage wird unterschlagen: Was ist die Alternative?

4. Eine Niederlage, also ein Frieden ohne Sicherheitsgarantien für die Ukraine und den dauerhaften Verlust von ca. 30 % des Staatsgebiietes, würde für die ukrainische Arbeiterklasse nicht Frieden, sondern Repression, Entrechtung, politische Sprachlosigkeit, Migration und Armut unter russischen imperialen Bedingungen bedeuten. Klassenkosten entstehen nicht nur durch Widerstand, sondern auch – und oft schlimmer – durch Unterwerfung.

4. Der sogenannte „sinnlos verlängernde Kredit“ der EU ist analytisch falsch gefasst.

Kredite und militärische Unterstützung verlängern nicht den Krieg aus sich heraus, sie ermöglichen Verteidigung. Ohne sie gäbe es keinen schnelleren Frieden, sondern einen diktierten. Wer das verschweigt, betreibt Vernebelung. Die Ukraine ist nicht insolvent, weil sie verteidigt wird, sondern weil sie angegriffen wurde.

Die Kosten entstehen durch russischen Imperialismus, nicht durch ukrainischen Widerstand. Wer diese Kausalität umdreht, verschiebt Verantwortung – ob beabsichtigt oder nicht.

5. Am schwersten wiegt jedoch der theoretische Fehler. Die Rede vom „verlorenen Krieg“ stellt Kostenrechnung über Selbstbestimmung.

Lenin, der marxistische Theoretiker des Selbstbestimmungsrechts, war hier eindeutig: Das Recht auf nationale Selbstbestimmung gilt auch dann, wenn es teuer ist, riskant ist, blutig ist. Nicht aus Romantik, sondern weil Unterwerfung historisch immer die schlechtere Option für die unterdrückten Klassen war.

6. Der vermeintliche Antimilitarismus dieser Position bleibt leer. Er bietet kein Sicherheitskonzept, keinen realen Friedenspfad ohne Unterordnung, keine politische Perspektive jenseits des Aufgebens.

Er verwechselt Kritik mit Resignation. Doch Resignation ist keine linke Tugend. Sie ist die Anpassung an die Machtverhältnisse unter dem Deckmantel der Moral.

Wer heute erklärt, der Krieg sei verloren, spricht nicht im Namen der ukrainischen Arbeiterklasse. Er spricht im Namen der eigenen Erschöpfung. Und macht sie zur Theorie.

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