Grönland, Macht und die falsche Wahl
Warum Europas Widerstand kein Fortschritt ist – und was eine linke Antwort sein müsste
Von Sascha Schlenzig
Die Frage, ob Donald Trump Grönland annektieren will, führt in die Irre. Sie klingt konkret, ist aber falsch gestellt. Denn es geht nicht um Annexion, Flaggen oder formale Zugehörigkeit. Es geht um Macht. Um Zugriff. Um Kontrolle.
Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wer bestimmt über Grönland – und mit welchen Mitteln?
Zugriff statt Ordnung
Die Eskalation der letzten Wochen hat das deutlich gemacht. Was Anfang Januar noch wie eine Provokation wirkte, ist inzwischen eine klare Strategie. Trump setzt auf ökonomischen Druck: Zolldrohungen, Sicherheitsargumente, Investitionsangebote. Militärische Gewalt steht nicht im Vordergrund, aber sie ist immer mitgedacht.
Trump betreibt Außenpolitik nicht über Regeln und Institutionen, sondern über Hebel. Verträge interessieren ihn weniger als Zugänge. Stabilität weniger als Kontrolle. Grönland passt genau in dieses Denken: strategisch wichtig, politisch schwach, sicherheitspolitisch abhängig.
Der Begriff der „nationalen Sicherheit“ dient dabei nicht der Erklärung, sondern der Entpolitisierung. Wer zur Sicherheitsfrage erklärt wird, kann nicht mehr gleichberechtigt verhandeln. Entscheidungen erscheinen alternativlos.
Trump ist nicht das Problem – sondern der Verstärker.

Es wäre zu einfach, all das als persönliches Chaos eines unberechenbaren Präsidenten abzutun. Trump ist nicht die Ursache, sondern ein Beschleuniger. Auch ohne ihn wäre Grönland geopolitisch wichtig geworden – wahrscheinlich leiser, technokratischer, mit freundlicheren Worten.
Der Trumpismus macht sichtbar, was vorher verdeckt war:
Im westlichen Bündnissystem ist Souveränität längst relativ. Das Völkerrecht gilt nur, solange es mächtigen Interessen nicht im Weg steht. Trump spricht das offen aus. Genau dadurch stabilisiert er die bestehenden Machtverhältnisse – auch wenn er vorgibt, sie zu brechen.
Europas Gegenwehr – geschlossen, aber nicht progressiv
Auffällig ist die Reaktion Europas. Sie ist ungewöhnlich einheitlich. Europäische Regierungen berufen sich auf die UN-Charta, auf territoriale Integrität und das Selbstbestimmungsrecht Grönlands. Sie weisen Trumps Zolldrohungen zurück und kündigen Gegenmaßnahmen an.
Das wirkt entschlossen. Aber es ist kein Fortschritt. Denn Europa wendet sich nicht gegen Machtpolitik an sich, sondern gegen Machtpolitik ohne Regeln. Nicht gegen Einflusszonen, sondern gegen ihre offene Durchsetzung. Verteidigt wird nicht die Idee gleicher Souveränität, sondern ein System, in dem Macht kontrolliert und berechenbar ausgeübt wird.
Kurz gesagt: Europa verteidigt nicht Selbstbestimmung, sondern Ordnung.
Der europäische Widerspruch
Hier liegt der Kern des Problems. Europäische Regierungen sprechen von Souveränität, während sie diese gleichzeitig auslagern.
Dänemark ist formell für Grönland zuständig, real aber sicherheitspolitisch abhängig. Die EU unterstützt rhetorisch, ist aber selbst kein eigenständiger sicherheitspolitischer Akteur.
Die NATO gilt als Schutz, ist aber zugleich ein Instrument asymmetrischer Macht. Der europäische Widerstand richtet sich deshalb weniger gegen Trumps Politik als gegen die Art, wie offen sie betrieben wird. Verteidigt wird die eigene Position innerhalb des westlichen Machtgefüges – nicht die tatsächliche Selbstbestimmung Grönlands.
Ökonomischer Zwang als moderne Gewalt
Der Konflikt zeigt auch, wie sich Macht heute ausübt. Militärische Drohungen werden zunehmend durch wirtschaftliche ersetzt. Zölle, Investitionen und Infrastrukturpolitik wirken oft effektiver als Panzer. Sie treffen ganze Volkswirtschaften, Produktionsketten und Arbeitsplätze.
Profiteure sind bestimmte Kapitalgruppen: Rohstoffkonzerne, Rüstungsindustrie, Logistik- und Finanzunternehmen. Ihre Geschäftsmodelle leben von Unsicherheit, Aufrüstung und Dauerkrisen. Die Kosten tragen andere – in Grönland durch politische Entmündigung, in Europa durch wirtschaftlichen Druck, in den USA durch soziale Spaltung. Souveränität wird dabei zur Verhandlungsmasse. Sie gilt nur, solange sie nicht stört.
Warum Europas Widerstand kein Fortschritt ist
Der europäische Widerstand bedeutet keinen Bruch mit imperialer Politik. Er ist der Versuch, sie zu verwalten. Regeln statt Willkür, Verfahren statt offener Erpressung. Das mag stabiler sein – emanzipatorisch ist es nicht.
Wer darin bereits eine progressive Wende sieht, verwechselt Ordnung mit Fortschritt.
Was eine linke Antwort sein müsste
Eine linke Position darf sich nicht zwischen den USA und Europa entscheiden. Beide stehen für unterschiedliche Formen derselben Logik. Neutralität reicht nicht – nötig ist klare Parteilichkeit: für Selbstbestimmung gegen imperiale Verfügbarkeit.
Das bedeutet erstens: Grönland als politisches Subjekt ernst nehmen. Selbstbestimmung darf nicht bei Kultur und Verwaltung enden, während Militär, Rohstoffe und Infrastruktur fremd kontrolliert werden.
Zweitens: Ökonomischen Zwang klar zurückweisen – egal ob er offen oder institutionell ausgeübt wird. Wirtschaftliche Erpressung ist keine sanfte Alternative zu militärischer Gewalt, sondern ihre moderne Form.
Drittens: Die Militarisierung der Arktis grundsätzlich infrage stellen. Demilitarisierung, Begrenzung von Rohstoffausbeutung und zivile internationale Kontrolle sind notwendige Perspektiven – auch wenn sie im Kapitalismus schwer durchsetzbar sind.
Viertens: Die Klassenfrage offen benennen. Es geht um Verwertung, Profite und Macht. Nicht um Flaggen oder Bündnistreue.
Diese Position ist unbequem. Sie passt weder zur NATO-Logik noch zur europäischen Selbstberuhigung. Aber genau deshalb ist sie notwendig. Fortschritt beginnt nicht dort, wo ein Machtblock seine Regeln gegen einen anderen verteidigt. Er beginnt dort, wo diese Regeln selbst infrage gestellt werden.
Oder einfacher gesagt:
Eine linke Antwort auf Grönland beginnt dort, wo weder die USA noch Europa als Schutzmächte gelten – sondern als Teil eines Systems, das Souveränität nur respektiert, solange sie nicht im Weg steht.