Häresie oder Verwaltung?

Slavoj Žižek und die Sackgasse der Linken

Es gibt Sätze, die sich einbrennen. Walter Benjamins Diktum, dass „hinter jedem Faschismus eine gescheiterte Revolution“ stehe, gehört dazu. Slavoj Žižek hat diesen Satz oft zitiert, diesmal aber stellt er die entscheidendere Frage: Warum ist diese Revolution gescheitert – und warum sammelt die Rechte, was die Linke nicht ernten will?

Die Diagnose ist schmerzhaft vertraut. Die liberale Demokratie hat die soziale und kulturelle Entfremdung der Arbeiterklasse ignoriert; die Linke hat sich in akademische Komfortzonen zurückgezogen; die Rechte hat den Patriotismus, den Schutz des Alltags und die soziale Frage besetzt. Alte Linke stehen in Kyoto bei 35 Grad auf Marktplätzen, während rechte Influencer:innen millionenfach Social-Media-Feeds füllen. Ein Bild wie aus einer postmodernen Groteske – nur dass es die politische Realität beschreibt. Auch wenn z.B. die Linke in Deutschland sich langsam aus dieser Sackgasse herausarbeitet.

Žižek antwortet darauf mit einem Begriff, der aus der Kirchengeschichte stammt: Häresie. Ursprünglich war sie der Bruch mit dem kirchlichen Dogma, um den Glauben zu erneuern. Politisch verstanden ist sie die Abkehr von der erstarrten Linie, um die Bewegung wieder handlungsfähig zu machen. Lenin 1914, Mao mit seiner Bauernstrategie, Deng mit dem Bruch mit Mao – alles häretische Wendungen innerhalb der eigenen Tradition.

Für Žižek hat heute nicht die Linke, sondern die Rechte den häretischen Schritt gewagt. Trump habe den „Bruch mit dem globalen Neoliberalismus“ vollzogen, während die Linke an ihrem morschen Parlamentssozialismus festhielt. Seine Forderung: eine „funktionierende Häresie“, die hegemoniefähig ist und nicht als sektiererisches Restlicht in politischen Nebeln verglimmt.

Doch der Weg, den Žižek skizziert, ist nicht der eines revolutionären Aufbruchs. Es ist eine realistische Utopie, die das Politische in zwei Sphären teilt: moderat-konservative Kräfte verwalten den Alltag, eine „leninistische Elite“ fungiert als Katastrophenwächterin, die uns auf den globalen Ausnahmezustand vorbereitet. Revolution als Krisenmanagement – nicht als Massenaufstand.

Das ist kein Verrat, sondern die logische Konsequenz eines Denkers, der aus Lacans Psychoanalyse, aus Agambens Ausnahmezustands-Philosophie und aus den Trümmern des real existierenden Sozialismus schlussfolgert: radikaler Wandel ist notwendig, aber in der gegenwärtigen Konstellation unmöglich. Also Pragmatismus – prinzipientreu, aber unromantisch.

Hier liegt die Stärke und die Schwäche dieses Denkens zugleich. Žižek zwingt die Linke, sich die eigene strategische Ohnmacht einzugestehen, statt sie mit wohlmeinenden Programmen zu kaschieren. Er benennt, dass Patriotismus, Verteidigung des Alltags und Universalismus nicht der Rechten überlassen werden dürfen. Aber er bleibt im Elitenparadigma: Politik als Steuerung von oben, nicht als Selbstermächtigung von unten.

Für marxistische Theorie ist das eine offene Flanke. Emanzipation im eigentlichen Sinn heißt nicht nur, Krisen zu überleben, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse so zu verändern, dass Krisen nicht mehr nach kapitalistischer Logik produziert werden. Eine „funktionierende Häresie“ wäre in diesem Sinne nicht nur Bruch in der Theorie, sondern Bruch in der Klassenmacht – mit Verankerung in Betrieben, Vierteln, globalen Bewegungen.

Žižek liefert dafür keine Blaupause. Aber er liefert ein Vokabular, mit dem wir über den Bruch sprechen können, ohne sofort in die Nostalgie alter Parteimodelle zu verfallen. Er verortet die Linke in einem Nullpunkt: keine utopische Fluchtinsel mehr, keine automatische historische Notwendigkeit, keine Gewissheit der eigenen Hegemonie.

Vielleicht ist genau das seine Rolle: Archäologe der Sackgasse, nicht Architekt der Befreiung. Einer, der die Knochen des gescheiterten Projekts freilegt und sagt: Seht, so tief ist der Graben. Die Frage, ob und wie wir ihn überspringen, liegt nicht bei ihm. Sie liegt bei denen, die bereit sind, die Häresie nicht nur zu denken, sondern zu organisieren.

Wie die Tageszeitung Junge Welt Žižek kommentiert

Der Kommentar von Nick Brauns in der jungen Welt ordnet Žižek als „Defätisten des Tages“ ein und reduziert seine Intervention auf eine nihilistische Absage an jede sozialistische Zukunftsperspektive. Diese Lesart verfehlt jedoch einen wesentlichen Punkt: Žižeks „Mut zur Hoffnungslosigkeit“ ist nicht einfach eine Kapitulation, sondern eine theoretische Zuspitzung – der Versuch, den linken Diskurs aus der Selbstberuhigung zu reißen, die sich aus wohlmeinenden, aber realitätsfernen Revolutionsphantasien speist. Brauns’ Polemik arbeitet stark mit Zuschreibungen („Modephilosoph“, „Zeugen Jehovas“) und setzt Žižeks Skepsis gegenüber dem real existierenden Sozialismus pauschal mit der Akzeptanz westlich-imperialistischer Vorherrschaft gleich. Damit verschiebt er die Debatte in ein Lagerdenken, das Žižeks eigentliche Provokation – die Frage, wie eine strategiefähige Linke im 21. Jahrhundert überhaupt entstehen kann – gar nicht erst aufnimmt. Die Kritik verpasst so die Chance, die problematischen Elemente in Žižeks „Allianz“-Konzept aus einer materialistischen Klassenperspektive zu sezieren, ohne den theoretischen Impuls vorschnell als Verrat zu denunzieren. Vielleicht sollte Nick Braun, den ich seit über 32 Jahren persönlich kenne, mal mehr Žižek und weniger Theoretiker des "Maxismus an der Macht" lesen.

(c) Kritik & Praxis – Verstehen. Hinterfragen. Verändern.

Selbst lesen:

https://www.berliner-zeitung.de/.../slavoj-zizek-das...

Nick Brauns in der JW:

https://www.jungewelt.de/.../505653.def%C3%A4tist-des...

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