Imperialistischer Angriff Die Nationale Sicherheitsstrategie der USA 2025 als Manifest des autoritären Kapitalismus

Imperialistischer Angriff

Die Nationale Sicherheitsstrategie der USA 2025 als Manifest des autoritären Kapitalismus

Dieses Dokument ist kein außenpolitisches Papier im engeren Sinne. Es ist ein Staatsmanifest.

Die National Security Strategy 2025 der Trump-Administration formuliert erstmals seit Jahrzehnten offen, was frühere US-Strategien nur umschrieben: den Übergang von einer liberal-hegemonialen Weltordnung zu einer autoritär nationalisierten Akkumulationsstrategie. Nicht mehr Welterziehung, nicht mehr multilaterale Einbindung, nicht mehr moralische Universalismen – sondern Macht, Kontrolle, Abschottung.

Diese Sicherheitsstrategie ist das programmatische Dokument eines autoritär gewendeten Kapitalismus im Zeitalter globaler imperialistischer Konkurrenz.

Die richtige Diagnose – und die falsche Antwort

Die Strategie beginnt mit einer Abrechnung, die in Teilen zutrifft.

Drei Jahrzehnte neoliberaler Globalisierung haben die industrielle Basis der USA geschwächt, die soziale Ungleichheit verschärft und die politische Loyalität der Mittelschichten unterminiert. Permanente Kriege, Freihandel ohne Schutzmechanismen, globale Lieferketten ohne demokratische Kontrolle – all das hat reale Kosten erzeugt.

Diese Diagnose ist kein rechter Mythos. Sie ist empirisch belegbar.

Doch die Antwort, die das Dokument darauf gibt, ist keine demokratische Korrektur des Kapitalismus, sondern seine autoritäre Reorganisation. Reindustrialisierung ja – aber national, disziplinierend, militärisch flankiert. Staatliche Steuerung ja – aber im Dienst nationaler Kapitalinteressen, nicht sozialer Emanzipation.

Marxistisch gesprochen: Es handelt sich um den Versuch, strukturelle Krisen der Akkumulation durch staatlich organisierte Konkurrenzpolitik zu kompensieren.

Ökonomie wird Sicherheit – Sicherheit wird Ordnungspolitik

Auffällig ist die vollständige Verschmelzung von Ökonomie und Sicherheit. Lieferketten, Energieversorgung, Industriepolitik, Technologieentwicklung – alles wird zur Frage nationaler Verteidigung erklärt. Der Staat kehrt zurück, nicht als sozialer Garant, sondern als strategischer Dirigent.

„Pro-Worker“ bedeutet hier nicht Mitbestimmung, Arbeitszeitverkürzung oder soziale Absicherung, sondern nationale Abschottung des Arbeitsmarktes bei gleichzeitiger Disziplinierung von Arbeit. Migration erscheint nicht als soziale Realität kapitalistischer Ungleichheit, sondern als Sicherheitsproblem.

Wenn die Strategie vom „Ende der Ära der Mass Migration“ spricht, dann markiert sie nicht nur eine außenpolitische Linie, sondern eine neue innere Ordnung: Zugehörigkeit wird zur sicherheitspolitischen Kategorie.

Der Kulturkampf als geopolitische Ressource

Neu – und politisch folgenreich – ist die normative Aufladung der Sicherheitsdoktrin. Nationale Sicherheit wird an „spiritueller Gesundheit“, „kultureller Stabilität“ und „traditionellen Familien“ festgemacht. Außenpolitik wird so zum verlängerten Arm eines innenpolitischen Kulturkampfes.

Das ist kein konservativer Reflex, sondern ein autoritäres Projekt. Soziale Widersprüche werden nicht bearbeitet, sondern kulturell überdeckt. Klassengegensätze erscheinen als Identitätsfragen. Politische Ökonomie wird moralisch aufgeladen – und damit entpolitisiert.

China: Systemische Konkurrenz ohne Illusionen

China bildet den strategischen Kern der Analyse.

Nicht als ideologischer Feind, sondern als ökonomisch-technologischer Rivale. Die Illusion, Handel führe automatisch zu Liberalisierung, wird verworfen. Stattdessen dominiert die Logik der Blockbildung: Entflechtung von Lieferketten, Schutz kritischer Technologien, Einbindung von Verbündeten in eine anti-chinesische Wirtschaftsordnung.

Diese Analyse ist nüchtern – und imperial.

In der Tradition Lenins und Arrighis geht es um hegemoniale Konkurrenz in einer Phase relativen Machtverlusts. Militärische Abschreckung flankiert ökonomische Rivalität. Frieden wird nicht durch Kooperation gedacht, sondern durch Überlegenheit.

Europa: Verbündeter unter Vorbehalt

Der Ton gegenüber Europa ist bemerkenswert scharf. Der Kontinent erscheint als ökonomisch überreguliert, politisch fragmentiert, kulturell verunsichert. Migration, Demografie und supranationale Institutionen werden als existenzielle Risiken beschrieben.

Problematisch ist weniger die Diagnose sozialer Spannungen als ihre ideologische Übersetzung. Wenn Loyalität implizit ethnisiert wird, wenn von „nicht-europäischen Mehrheiten“ in NATO-Staaten die Rede ist, dann wird Zugehörigkeit biologisiert. Das ist keine Analyse, sondern Grenzziehung.

Zugleich fordert die Strategie ein rasches Ende des Ukrainekriegs – nicht primär aus Solidarität, sondern zur Wiederherstellung strategischer Stabilität mit Russland. Die USA wollen mit Russland Geschäfte machen und dadurch die industrielle Basis der USA stärken. Frieden erscheint funktional: als Voraussetzung für ökonomische Normalisierung und geopolitische Konzentration auf China.

Monroe-Doktrin und Extraktivismus

In Lateinamerika kehrt die imperiale Ordnung offen zurück. Die westliche Hemisphäre wird als Einflusszone definiert, fremde Mächte sollen ausgeschlossen werden. Infrastruktur, Rohstoffe, Häfen – alles wird zur sicherheitspolitischen Frage.

Afrika wiederum erscheint fast ausschließlich als Raum der Ressourcensicherung. Entwicklung wird durch Investition ersetzt, Partnerschaft durch Zugriff. Hilfe gilt als ineffizient, Märkte als Lösung.

Das ist Imperialismus ohne Maske – nüchtern, kalkuliert, funktional.

Wer trägt dieses Projekt?

Sozial getragen wird diese Strategie von einer spezifischen Allianz: Teilen des national orientierten Industriekapitals, die Silicon-Valley Tech Industrie, der Rüstungs- und Energieindustrie, sicherheitspolitischen Eliten – und einem verunsicherten Teil der Arbeiterklasse, dem Schutz und Ordnung versprochen werden, ohne Macht und Teilhabe zu bieten.

Es ist eine hegemoniale Formation im Werden, nicht abgeschlossen, aber strukturell konsistent.

Fazit: Ordnung durch Stärke

Die Nationale Sicherheitsstrategie 2025 entwirft eine Weltordnung, in der Souveränität vor Recht steht, Stärke vor Kooperation, nationale Akkumulation vor globaler Gerechtigkeit. Sie ist kein Ausreißer, sondern Symptom eines Kapitalismus, der seine liberale Phase hinter sich lässt. Man könnte auch sagen Imperialismus reloaded 2.0.

Die Sicherheitsstrategie reagiert auf reale Krisen – und verschärft sie zugleich. Sie verspricht Ordnung – und institutionalisiert Konkurrenz.

Sie verspricht Frieden – und normalisiert Aufrüstung. Sie verspricht Sicherheit – und verengt Demokratie.

Die offene Frage lautet, wie es gelingen kann eine internationale Gegenperspektive zu entwickeln, die soziale Sicherheit, demokratische Kontrolle und ökologische Transformation verbindet – jenseits von nationaler Abschottung und imperialer Konkurrenzlogik.

Subscribe to Kritik & Praxis - Verstehen. Hinterfragen. Verändern

Don’t miss out on the latest issues. Sign up now to get access to the library of members-only issues.
jamie@example.com
Subscribe
JETZT KOSTENLOS ABONNIEREN
kritikundpraxis.substack.com