Indonesien 2025: Aufstand gegen das neoliberale Modell

Indonesien ist das viertgrößte Land der Welt, über 270 Millionen Menschen leben hier, 87 % von ihnen sind muslimisch. Jahrzehntelang galt die Republik als Erfolgsgeschichte des Südens: Wachstum, Exportbooms, eine neue Mittelschicht. Doch dieser Traum ist zerplatzt. Was bleibt, sind steigende Preise, wachsende Ungleichheit – und ein Präsident, der mit Sparprogrammen und Militärherrschaft reagiert.

Privilegien und Affront

Der Funke war klein, aber explosiv: Abgeordnete genehmigten sich eine Wohnpauschale von 2.750 Euro im Monat, während der Mindestlohn in Jakarta bei 275 Euro liegt. Zehnmal so viel – in einem Land, in dem Millionen kaum Reis, Miete und Transport bezahlen können. Als am 28. August der 21-jährige Gojek-Fahrer Affan Kurniawan von einem Polizeifahrzeug überrollt wurde, brach sich die Wut Bahn. Sein Tod war nicht nur ein Unfall, er wurde zum Symbol staatlicher Verachtung.

Sparen bei Schulen, Geld für Panzer

Präsident Prabowo Subianto strich Anfang 2025 fast 17 Milliarden Euro aus dem Haushalt. Ministerien verloren 14 Milliarden, die Regionen knapp 3 Milliarden. Das Bauministerium stürzte von 6,1 auf 1,6 Milliarden Euro ab. Offiziell floss das Geld in ein Schulmittagessenprogramm von fast 26 Milliarden Euro pro Jahr. Doch finanziert wurde es durch Kürzungen in Bildung, Gesundheit und Infrastruktur: Hochschulen minus 39 Prozent, Krankenhäuser minus 18 Prozent, Bauprojekte minus 73 Prozent.

Gleichzeitig stieg das Militärbudget um 37 Prozent auf 18,4 Milliarden Euro. Schulen sparen, Krankenhäuser sparen – die Armee wächst.

Alltag im Elend

Mehr als 25 Millionen Indonesier:innen leben unter der Armutsgrenze. Ein Durchschnittseinkommen von 4.300 Euro im Jahr reicht kaum für die Grundbedürfnisse. Fast 60 Prozent der Beschäftigten arbeiten informell, ohne Vertrag, ohne Sicherheit. Die Mittelschicht, einst Symbol des Booms, ist in sechs Jahren um 20 Prozent geschrumpft.

Beim letzten muslimischen Eid-Fest gaben die Menschen 12 Prozent weniger aus, Reisen brachen um ein Viertel ein. Selbst Fast-Food-Ketten wie Pizza Hut schließen Filialen – nicht aus Rationalisierung, sondern weil die Kundschaft fehlt.

Die Ungleichheit ist grotesk: Vier Milliardäre besitzen so viel wie hundert Millionen Arme.

Pandemie, Hunger, Verschuldung

Die Pandemie hat das Land erschüttert. Mehr als die Hälfte aller Haushalte verlor Einkommen, viele mussten Mahlzeiten verkleinern. Kinder hungerten, Frauen und Alleinerziehende litten besonders. Diese Schulden an der Gesellschaft sind bis heute nicht beglichen.

Wer profitiert

Profitiert haben Oligarchen wie die Familien Hartono, Salim oder Pangestu, die Banken, Palmölplantagen und Bergwerke kontrollieren – eng verzahnt mit Politik und Militär. Auch internationale Konzerne machten Kasse: Nestlé, Tesla, Unilever. Billige Arbeit, billige Rohstoffe, hohe Renditen.

Eine kleine städtische Mittelschicht konnte zeitweise aufsteigen. Doch auch sie verliert nun Jobs an Outsourcing und Automatisierung. Für die Jugend bleibt oft nur der Ausweg ins Ausland – sichtbar im Hashtag #KaburAjaDulu: „Flieh einfach erst mal.“

Rückkehr der Generäle

Prabowo, General a. D., hat das Militär zurück ins Zentrum der Politik geholt. Ein Gesetz erlaubt Offizieren wieder den Gang in zivile Posten. Generäle leiten Behörden, das Militär organisiert Schulessen, Lebensmittelsicherung, sogar Pharma-Programme. Über hundert neue Bataillone wurden gegründet, langfristig sollen es 500 sein. Neue Jets, neue Drohnen, neue Panzer – während die Schulen verfallen.

Es ist die Rückkehr der Suharto-Doktrin „Dwifungsi“: das Militär als doppelte Macht, bewaffnet und regierend.

Die Schatten der Vergangenheit

Dass Prabowo Präsident ist, ist selbst ein Signal der Kontinuität. In den 1990ern war er Kommandeur der Elitetruppe Kopassus, verwickelt in Massaker in Osttimor, Gewalt in Papua und das Verschwinden von Aktivist:innen in den Protesten 1997/98. Menschenrechtsorganisationen werfen ihm schwere Verbrechen vor. Nach Suhartos Sturz wurde er entlassen, ging ins Exil – und kehrte als Geschäftsmann und Politiker zurück. Heute regiert ein Mann, der Symbol jener autoritären Tradition ist, die Indonesien nie aufgearbeitet hat.

Korruption als Normalzustand

Indonesien steht im Korruptionsindex 2024 auf Platz 99 von 180 Ländern. Polizei und Militär gelten als besonders verdorben. Bestechungen sind Alltag, Skandale wie der 12-Milliarden-Dollar-Betrug im Staatskonzern Pertamina nur die Spitze des Eisbergs. Für die Bevölkerung ist es längst Gewohnheit: Eliten bereichern sich, während die Armen zahlen.

Eine Bewegung von unten

Die Proteste sind spontan und basisnah. In Jakarta zogen Ende August tausende auf die Straßen, in Zentraljava versammelten sich bis zu 100.000 Menschen. Studierende, Gojek-Fahrer:innen, Angestellte, Mütter, Arbeiter:innen. Gewerkschaften wie die Coalition of Labor Unions oder die Labor Party fordern 10,5 Prozent mehr Lohn, ein Ende von Outsourcing und Schutz vor Massenentlassungen. Der Schulterschluss von Arbeiter:innen und Studierenden macht die Bewegung stärker – und gefährlicher für die Regierung.

Über den Demonstrationen wehten schwarze Piratenflaggen aus dem Manga One Piece. Ein popkulturelles Symbol gegen korrupte Eliten, das zeigt: die neue Generation findet ihre eigene Sprache des Widerstands.

Ende einer Illusion

Das neoliberale Versprechen ist zerfallen. Billigarbeit, Rohstoffexporte, Privatisierung – all das produziert heute keine Stabilität, sondern Armut, Militarisierung, Auswanderung. Indonesien 2025 ist das Labor, in dem sichtbar wird, dass dieses Modell am Ende ist.

Die Frage ist offen: Wird Prabowo mit Gewalt eine autoritäre Ordnung durchsetzen – oder entsteht aus der Wut eine neue Bewegung für soziale Gerechtigkeit 8? Sicher ist nur: Ein Land, in dem vier Milliardäre so reich sind wie hundert Millionen Arme, kann nicht stabil bleiben.

(c) Kritik & Praxis – Verstehen. Hinterfragen. Verändern.

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