Iran am Kipppunkt Reproduktionskrise, Protestdynamik und die offene Frage der Revolution

Iran am Kipppunkt

Reproduktionskrise, Protestdynamik und die offene Frage der Revolution

Was sich seit Ende 2025 im Iran entfaltet, ist keine Abfolge von Unruhen, sondern eine anhaltende gesellschaftliche Reproduktionskrise. Sie reicht tiefer als politische Loyalitäten und kulturelle Konflikte. Sie betrifft das tägliche Leben: Einkommen, Wohnen, Versorgung, Zukunft. Der Staat kann diese Grundlagen nicht mehr sichern. Und genau deshalb kehren die Proteste zurück – immer wieder, in wechselnden Formen, an immer neuen Orten.

Die Zahlen der Reproduktionskrise

Die ökonomischen Eckdaten markieren den Bruch. Die Inflation liegt seit Jahren über 40 Prozent, zeitweise nahe 50 Prozent. Der iranische Rial hat seit 2018 rund 90 Prozent seines realen Wertes verloren. Der gesetzliche Mindestlohn entspricht umgerechnet weniger als 120 US-Dollar im Monat. Gleichzeitig stiegen die Preise für Grundnahrungsmittel seit 2022 um 200 bis 300 Prozent. Mieten, Medikamente, Energie folgen derselben Logik.

Zwischen 30 und 35 Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der offiziellen Armutsgrenze. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt offiziell bei etwa 25 Prozent, real deutlich höher. Besonders folgenreich ist der soziale Abstieg der urbanen Mittelschichten. Akademische Abschlüsse verlieren ihren Tauschwert, Aufstieg wird zur Ausnahme, Absturz zur Normalität.

Marxistisch gesprochen: Die gesellschaftliche Reproduktion ist blockiert. Arbeit reproduziert kein Leben mehr. Bildung reproduziert keine Perspektive. Anpassung reproduziert keine Sicherheit.

Klassenstaat ohne Integration

Der Iran ist kein Sonderfall jenseits des Kapitalismus. Er ist ein autoritäres Akkumulationsregime, getragen von Öl- und Gasrenten. Diese Renten werden nicht gesellschaftlich verteilt, sondern von einem engen Machtblock abgeschöpft:

Revolutionsgarden, staatsnahe Konzerne, religiöse Stiftungen. Schätzungen zufolge kontrollieren diese Akteure über die Hälfte der Wirtschaftsleistung.

Die religiösen Stiftungen – steuerfrei, intransparent, milliardenschwer – agieren wie staatsnahe Holdings. Die Revolutionsgarden sind nicht nur Sicherheitsapparat, sondern Kapitalfraktion. Der Staat ist hier keine neutrale Instanz, sondern materielle Verdichtung von Klassenverhältnissen.

Integration erfolgt kaum noch über soziale Sicherheit, sondern über Disziplin. Wo materielle Bindung ausfällt, tritt Repression an ihre Stelle. Internationale Sanktionen verschärfen diesen Mechanismus, aber sie erzeugen ihn nicht. Sie wirken selektiv: Eliten umgehen sie, die subalternen Klassen tragen die Kosten.

Gesellschaftliche Brüche – konkret

Ein Industriearbeiter in der Öl- oder Stahlindustrie wartet monatelang auf ausstehende Löhne. Eine junge Akademikerin arbeitet informell im Dienstleistungssektor, ohne Vertrag, ohne Absicherung. Ein Rentner protestiert, weil Auszahlungen gekürzt oder verspätet erfolgen. Diese Figuren stehen nicht am Rand der Gesellschaft – sie sind die Gesellschaft.

Der informelle Sektor umfasst schätzungsweise über 30 Prozent der Erwerbstätigen. Die Sicherheiten früherer Jahrzehnte sind verschwunden. Was bleibt, ist eine fragmentierte Klassenstruktur, die kollektiv leidet, aber individuell organisiert ist.

Die neue Qualität der Proteste

Die aktuelle Protestbewegung unterscheidet sich von früheren Wellen. 2009 war sie politisch und urban. 2017/18 vor allem ökonomisch und regional. 2022/23 kulturell und geschlechterpolitisch. 2025/26 überlagern sich diese Linien erstmals dauerhaft.

Neu ist nicht die Radikalität der Parolen, sondern die Normalisierung des Widerstands. Proteste zirkulieren. Kaum ebbt eine Welle ab, folgt die nächste: Streiks, Frauenproteste, Studierendenmobilisierungen, regionale Aufstände. Widerstand ist in den Alltag eingesickert.

Gleichzeitig bleibt die Bewegung strukturell fragmentiert. Sie ist klassenübergreifend, aber nicht klassenhegemonial. Arbeiterstreiks bleiben lokal, Frauenproteste moralisch stark, aber organisatorisch isoliert. Das ist kein Versagen der Protestierenden, sondern das Resultat jahrzehntelanger Zerschlagung von Organisation. Gewerkschaften, linke Parteien, autonome Netzwerke wurden kriminalisiert, kooptiert oder ins Exil gedrängt.

Die religiöse Diktatur als Herrschaftsform

Die Herrschaft der Mullahs ist nicht der Ursprung der Krise, sondern ihre politisch-ideologische Form. Religion fungiert als Legitimationsapparat eines autoritären Kapitalismus. Solange der Staat minimale soziale Sicherheit gewährleisten konnte, trug diese Ideologie. Heute verliert sie rapide an Bindekraft.

Zwang ersetzt Zustimmung. Moral ersetzt soziale Versprechen. Repression – Kleidervorschriften, Strafrecht, Gewalt – wird zur dominanten Herrschaftsform. Das ist kein Zeichen von Stärke, sondern von hegemonialem Verfall. Religion stabilisiert das System kurzfristig, untergräbt es langfristig.

Revolution? Eine nüchterne Antwort

Objektiv sind viele Bedingungen einer revolutionären Situation gegeben: soziale Verelendung, ein delegitimierter Staat, permanente Proteste. Und doch bleibt der Umbruch aus. Der Grund liegt nicht im fehlenden Mut, sondern in der ungeklärten Machtfrage.

Revolution bedeutet nicht Straßenpräsenz, sondern Machtverschiebung: Brüche in zentralen Arbeitssektoren Loyalitätsverluste im Staatsapparat, kollektive Organisation jenseits des Moments. Davon ist bislang nur wenig sichtbar. Streiks bleiben sektoral. Sicherheitsapparate halten noch. Eine landesweite Gegenmacht existiert noch nicht. Doch mehrere Millionen Demonstranten in fast allen Stadten Irans bringen das Regime zum wanken – aber es fällt noch nicht.

Eine Krise ohne Lösung

Der Iran befindet sich in einem historischen Zwischenzustand. Das Regime kann die Gesellschaft nicht mehr integrieren, aber noch kontrollieren. Die Proteste können das System delegitimieren, aber bislang nicht ersetzen.

Die Krise ist nicht lösbar – nur verschiebbar. Und genau darin liegt ihre Gefahr. Denn je länger soziale Reproduktion blockiert bleibt, desto weniger Optionen bleiben offen. Der Iran lebt im permanenten Vorabend der Geschichte. Das Regime ist jedoch am Ende, fragt sich nur, wann genau. Und wie.

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