Iran vor der Revolution ?!

Iran vor der Revolution ?!

Reproduktionskrise, Massenaufstand und die Hoffnung – aber kein kurzer Weg zur Befreiung

Was sich seit Ende Dezember 2025 im Iran entfaltet, ist kein kurzes Aufflackern von Unruhen, sondern eine anhaltende gesellschaftliche Reproduktionskrise, die in die schwerste Gewalt seit der Revolution 1979 übergegangen ist. Die Proteste begannen als unmittelbare Reaktion auf den drastischen Wertverfall des Rial und die Explosion der Lebenshaltungskosten. Seitdem sind sie zu einer breiten Volksbewegung geworden, getragen von wirtschaftlicher Not, politischer Frustration und dem tiefen Wunsch nach Veränderung.

Gleichzeitig ist die Lage in den letzten Wochen in eine blutige Eskalation übergegangen, in der Sicherheitskräfte die Proteste landesweit brutal niedergeschlagen haben. Offizielle Angaben sprechen von mehreren Tausend Toten, Aktivist:innen und Menschenrechtsgruppen gehen von weit höheren Zahlen aus. Schätzungen unabhängiger Beobachter bewegen sich in einem breiten Spektrum von mindestens rund 5 000 bis über 10 000 getöteten Demonstrierenden, während Aktivist:innen und Menschenrechtsorganisationen von noch höheren Opferzahlen berichten. Tausende Verletzte, massenhafte Festnahmen und eine teilweise wochenlange Internetblockade verschärfen die Lage zusätzlich und machen unabhängige Verifikation schwer.

Diese Gewalt ist ein beispielloser Ausdruck nicht nur politischer Repression, sondern eines Staatsapparats, der die soziale Krise nicht zu lösen weiß und stattdessen auf blanke Gewalt setzt.

Gesellschaftliche Reproduktion am Ende

Die strukturelle Analyse bleibt gültig: Die Krise ist keine rein politische Frage, sie ist eine materielle Reproduktionskrise. Einkommen sichern kein Leben mehr. Arbeit, Bildung und Anpassung bieten keine Perspektive. Die soziale Krise manifestiert sich im alltäglichen Leben: steigende Preise, sinkende Löhne, fehlende Sicherheit. Sie hat die Gesellschaft in einem Zustand dauerhafter Instabilität gefangen, in dem Proteste nicht einzelne Episoden, sondern kontinuierliche Bewegungen des Widerstands sind.

Diese Reproduktionskrise erklärt, warum Menschen trotz der Gefahr von Tod, Verletzung oder Verhaftung wieder und wieder in die Straßen gegangen sind. Sie erklärt, warum verschiedene soziale Gruppen – Arbeiter:innen, Studierende, Händler:innen, Frauen – zusammenkommen, ohne dass bisher eine kohärente Oppositionsstruktur entstanden ist. Diese Proteste sind Ausdruck einer Gesellschaft im Widerspruch zu sich selbst – und nicht bloßes politisches Aufbegehren.

Fragmentierung und die Grenzen des Aufstands

Trotz ihrer Breite ist die protestierende Bewegung weiterhin strukturell fragmentiert. Sie ist klassenübergreifend, aber nicht klassenhegemonial. Arbeitskämpfe bleiben lokal, gesellschaftliche Forderungen vielfältig; kulturelle, ökonomische und politische Motivationen überlappen, aber bilden keine dauerhafte Organisationsform. Diese Fragmentierung ist Ergebnis jahrzehntelanger staatlicher Repression, Kriminalisierung und Zerstreuung oppositionsfähiger Strukturen.

In dieser Lage bilden sich verschiedene Strömungen heraus, einschließlich derjenigen, die im Exil agieren. Eine prominente Figur ist Reza Pahlavi, der Sohn des letzten Schahs, der aus dem Ausland zur Unterstützung der Bewegung aufruft und von vielen Iraniersupportern als Hoffnungsträger gesehen wird. Doch seine Rolle ist ambivalent. Sie zeigt nicht nur eine Sehnsucht nach einem einfachen Gegenmodell zur Theokratie, sondern auch die Zerrissenheit der Opposition: Einige rufen nach einer Rückkehr zur Monarchie, andere sehen in ihm lediglich eine symbolische Figur. Eine breite und einheitliche Opposition im Inneren, die über nostalgische Fahnen hinausweist, ist bislang nicht entstanden.

Diese Hoffnung auf externe Figuren oder schnelle Führungsfiguren darf nicht darüber hinwegtäuschen, was tatsächlich im Iran passiert: Die Bewegung ist ein gesellschaftlicher Aufstand ohne Zentrum, stark in Energie und Forderungen, aber schwach in dauerhafter Organisation.

Die gefährliche Illusion externer Intervention

Viele Iraner:innen und Exilorganisationen hegen die Hoffnung, dass äußere Akteure – insbesondere die USA – den Druck auf das Regime erhöhen oder sogar militärisch eingreifen könnten. Diese Hoffnung ist verständlich angesichts der Brutalität, mit der das Regime gegen die eigenen Bürger:innen vorgeht. US-Politiker haben in den letzten Wochen mehrfach angedeutet, dass sie Iran „sehr hart“ treffen könnten, falls massive Menschenrechtsverletzungen fortdauern.

Doch historische Erfahrung zeigt: Militärische Aktionen externer Mächte schwächen autoritäre Regime nicht im Sinne einer Befreiung von unten. Sie können militärische Fähigkeiten zerstören, strategische Infrastruktur treffen oder interne Spannungen verschärfen – aber sie mobilisieren den Staat nach innen. Sie erlauben dem Regime, sich als Verteidiger der Nation darzustellen und interne Konflikte zu externalisieren. Zudem reduzieren sie die Bereitschaft vieler Menschen, sich offen zu organisieren, weil die Gefährdung völlig neue Ausmaße annimmt.

Kurzfristige militärische Schwächung kann reale Effekte haben – strategisch jedoch blockiert sie jene sozialen Prozesse, die allein einen Regimesturz von innen tragen könnten.

Gerade in einer Situation, in der die staatlichen Sicherheitsapparate weiterhin geschlossen loyal sind und sich noch keine größeren Risse zeigen, wie es bisher der Fall ist, wären externe Militäraktionen eher geeignet, das Regime zu stabilisieren, nicht zu brechen.

Völkerrecht – zwischen Legitimität und Ohnmacht

Die Debatte um das Völkerrecht ist ein weiteres Element dieser Krise. Auf der einen Seite schützt es – zumindest formal – staatliche Souveränität, was autoritären Regimen einen gewissen Schutz vor externer Gewalt bietet. Auf der anderen Seite kann es als Rahmen dienen, um internationale Reaktionen auf brutale Innenpolitik zu begrenzen oder zu kritisieren.

Doch das Völkerrecht wird in dieser Situation nicht zur Befreiungsinstanz. Es ist kein Mechanismus, der massenhaften Staatsterror verhindert oder die Gewalt internaler Repression beendet. Es ist vielmehr ein Normsystem, das staatliche Gewalt in geordnete Bahnen zwängt, selbst wenn sie gegen die eigene Bevölkerung gerichtet ist.

Gerade dadurch wirkt es häufig ordnungsstabilisierend: Es delegitimiert äußere Interventionen, während es autoritäre Innenpolitik als „innere Angelegenheit“ fortschreibbar macht.

Bedingungen eines tatsächlichen Zusammenbruchs

Ein autoritäres Regime fällt nicht allein, weil es brutal ist oder delegitimiert erscheint. Es fällt, wenn die materielle Basis seiner Herrschaft bricht, wenn seine Repressionsapparate gespalten werden und wenn alternative soziale Strukturen entstehen, die einen realen Kontrast zur bestehenden Ordnung bilden.

Im Iran wären das:

– koordinierte Arbeitsverweigerungen in zentralen Wirtschaftssektoren, also ein Generalstreik

– dauerhafte soziale Selbstorganisation im Alltag

– Schlüsselspaltungen innerhalb der Sicherheitsapparate

– Entstehung langfristiger Gegenmachtstrukturen jenseits punktueller Mobilisierungen.

Davon ist der Iran derzeit noch (weit) entfernt.

Autoritärer Langverfall statt revolutionärer Moment?

Die wahrscheinlichste Entwicklung in den nächsten Monaten ist kein plötzlicher Umsturz, sondern ein autoritärer Langverfall: weiter hohe Repressionsgrade, episodische Aufstände, wachsende materielle Not und internationaler Druck ohne direkten militärischen Eingriff. Regionen, Ethnien und Klassen werden unterschiedlich betroffen sein; einige Dynamiken könnten zu lokalisierten Machtverschiebungen führen, aber ein gesamtgesellschaftlicher Bruch ist vorerst nicht absehbar.

Diese Situation ist nicht statisch. Sie kann sich verschärfen oder verändern. Doch bis ein kohärentes Gegengewicht zur herrschenden Macht entsteht, bleibt der Iran in einem Zustand, den manche Beobachter als „Vorabend der Geschichte“ bezeichnen – eine Gesellschaft, die ihre eigene Zukunft noch nicht kollektiv formulieren oder durchsetzen kann.

Schluss

Die Proteste, die seit Ende Dezember 2025 den Iran erschüttern, sind Ausdruck einer tiefen gesellschaftlichen Krise. Die staatliche Gewalt, die sie beantwortet, ist rigoros und brutal. Externe Interventionen – ob militärisch oder diplomatisch – mögen kurzfristig Druck aufbauen, aber sie schaffen keine Befreiung von innen.

Die wirkliche Frage lautet nicht, ob das Regime fällt, sondern unter welchen sozialen, politischen und materiellen Bedingungen die iranische Gesellschaft ihre eigene Zukunft wieder in die Hand nehmen kann.

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