Kruzifix am Schultor: Über Identität, Ideologie und die Dialektik des Glaubens im Klassenzimmer

von Sascha Schlenzig

Es sind nicht bloß Holzbalken, die hier verhandelt werden. Es ist Macht. Es ist Geschichte. Es ist die Frage, wem der öffentliche Raum gehört – und welche Bilder dort hängen dürfen. Das Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs, das ein überlebensgroßes Kruzifix im Eingangsbereich eines Gymnasiums für unzulässig erklärte, markiert weit mehr als einen juristischen Präzedenzfall. Es ist ein Aufblitzen der Realität in einem Land, das sich gern für neutral hält – auch wenn es Kreuze über den Köpfen seiner Kinder befestigt.

Die Reaktion kam reflexhaft: Alexander Dobrindt nannte das Urteil einen „Anschlag auf unsere kulturelle Identität“. Gemeint war: Wer das Kreuz abnimmt, zerstört den Westen. Doch genau hier beginnt die Verdrehung. Denn das Kruzifix ist nicht einfach ein Stück Kultur, sondern ein Zeichen religiöser Herrschaftsgeschichte – getragen von Kolonialismus, Patriarchat und moralischer Disziplin. Wer es ins Zentrum des Bildungssystems stellt, schreibt Kindern nicht nur Jesus, sondern auch Gehorsam, Schuld und Leid in den Alltag.

Es war vielleicht ein muslimischer Junge, der sich fragte, warum sein Glaube Thema im Unterricht ist – während ein blutender Christus als stummes Dogma über allen Gesprächen thront. Oder ein atheistisches Mädchen, das den Eingang mied. Sie bleiben anonym – aus Angst vor Repression. Das allein zeigt, wie viel Druck hinter dem Kreuz noch wirkt. Denn es ist kein leeres Symbol. Es wirkt. Es spricht. Und es schweigt zur Gewalt, die es selbst in sich trägt.

Die Schule ist kein Sakralraum. Sie ist – im besten Sinne – ein Ort der Mündigkeit. Doch was bleibt von Mündigkeit, wenn der Schultag beginnt mit dem Blick auf einen gekreuzigten Körper? Das ist kein „neutraler Akt“. Das ist eine ideologische Prägung. Louis Althusser sprach in diesem Zusammenhang von „ideologischen Staatsapparaten“: Institutionen, die durch Rituale, Symbole und scheinbare Normalität die herrschende Ideologie in die Körper einschreiben. Das Kreuz an der Wand lehrt nicht Religion – es setzt sie voraus.

Wer widerspricht, wird nicht verbrannt. Aber zivilisiert ausgegrenzt. Das ist die postmoderne Form der Repression: lächelnd, gesetzlich, unangreifbar. Das Kreuz bleibt – für „alle“, „aus Tradition“, „als Zeichen der Versöhnung“. Dass es dabei viele nicht versöhnt, sondern ausschließt, wird übersehen oder billigend in Kauf genommen.

Das Gericht hat mit seinem Urteil nicht die Religion verbannt, sondern das Monopol ihrer Sichtbarkeit gebrochen. Ein symbolischer Akt – und doch ein politischer Einschnitt. In einem Land, in dem Muslim:innen beim Bau von Minaretten, Jüd:innen bei der Sichtbarkeit ihrer Symbole und Konfessionslose in religiös dominierten Schulgremien marginalisiert sind, ist das Kreuz nicht nur Holz. Es ist Norm. Und Normen sind nie neutral.

Die Gegenreaktion folgt einem bekannten Drehbuch: Was christlich ist, wird zur Kultur erklärt. Was säkular ist, zur Bedrohung. Was Religionsfreiheit meint, wird als Dekadenz des Westens diffamiert. Hier geht es längst nicht mehr nur um ein Bild an der Wand – es geht um die Rückeroberung des öffentlichen Raums durch identitäre Ideologie. Die Rechten wittern Gelegenheit: Wer das Kreuz schützt, schützt die Nation. Dass damit Millionen Menschen aus der Idee dieser Nation ausgeschlossen werden, stört nicht. Im Gegenteil: Es ist gewollt.

Das Kruzifix wird zum Totem einer Gesellschaft, die ihre Vielfalt fürchtet. Der Bildungsbürger nagelt seinen Humanismus ans Kreuz – und erklärt ihn für unantastbar. Dabei war das Kreuz nie unschuldig. Es hing in Kolonialschiffen, in Internaten, in Gerichtssälen. Es segnete Kriege. Es predigte Verzicht, Ordnung, Keuschheit – und eine Erlösung, die nur über Leid zu haben sei. Wer das vergisst, betreibt Geschichtsfälschung mit Weihrauchduft.

Doch die Zukunft hängt nicht an Nägeln. Sie beginnt mit der Frage, ob Kinder selbst entscheiden dürfen, woran sie glauben. Oder eben nicht. Eine demokratische Schule ist nicht die Summe aller Traditionen, sondern der Raum, in dem Freiheit gelernt wird – auch die Freiheit, sich nicht beugen zu müssen.

Was im Gerichtssaal entschieden wurde, ist deshalb mehr als ein Urteil. Es ist ein symbolischer Befreiungsschlag. Kein Angriff auf das Christentum – sondern eine Absage an seine Verabsolutierung. Kein Bruch mit der Geschichte – sondern ein Schritt hin zu ihrer Anerkennung. Kein Kreuz weniger – sondern ein Stück Freiheit mehr.

(c) Kritik & Praxis – Verstehen. Hinterfragen. Verändern.

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