Kuba – Nein zur Belagerung

Kuba – Nein zur Belagerung

Fünfzehn Stunden Dunkelheit.

Ein Krankenhaus, das Generatoren rationiert.

Ein Kühlschrank, der nicht mehr kühlt.

Ein Bus, der nicht fährt.

So sieht Geopolitik aus, wenn sie in den Alltag einsickert.

2026 – Infrastruktur als Druckmittel

Ohne Diesel kein Transport.

Ohne Transport keine Lebensmittelverteilung.

Ohne Strom kein Wasser.

Ohne Kühlung keine Medikamente.

Das ist kein rhetorisches Bild. Das ist die Logik energieabhängiger und fossiler Gesellschaften.

Infrastruktur wird zur politischen Variable.

Die Blockade gegen Kuba existiert seit 1962. Sie wurde nicht beendet, nur umgebaut. Sanktionen, Sekundärsanktionen, Finanzblockaden. Wer mit Havanna Geschäfte macht, riskiert Ärger in Washington. Wer Dollars braucht, braucht Zugang zum System – und der wird kontrolliert.

Das ist keine moralische Geste. Das ist Machtpolitik.

Zahlen ohne Pathos

187 Staaten stimmten 2023 in der UN für ein Ende der Blockade. Zwei dagegen.

Kuba importiert den Großteil seiner Lebensmittel.

Stromausfälle dauern vielerorts zehn bis fünfzehn Stunden. Hunderttausende haben seit 2021 das Land verlassen.

Das sind keine Parolen. Das sind Rahmenbedingungen.

Gleichzeitig ist Kuba kein unschuldiges Opfer der Geschichte. Die Produktivität ist niedrig. Staatsbetriebe arbeiten schwerfällig. Die Währungsreform 2021 verschärfte Inflation und soziale Spannungen. Politische Repression existiert.

Wer die Lage verstehen will, muss beides sehen.

Sanktionen als leiser Krieg

Ein internes US-Dokument aus dem Jahr 1960 formulierte das Ziel nüchtern: wirtschaftliche Knappheit erzeugen, um Unzufriedenheit wachsen zu lassen.

Kein Militär.

Kein Bombardement.

Sondern Kreditverweigerung, Technologieverbote, Finanzisolation.

In einer global vernetzten Ökonomie ist das ausreichend.

Man muss nur die richtigen Hebel kontrollieren:

Dollar. Banken. Energie. Lieferketten.

Das nennt sich heute „Sanktionspolitik“.

Früher hätte man es Belagerung genannt.

Mangel und Klasse

Sanktionen treffen selten zuerst Minister.

Sie treffen:

die Arbeiterin ohne Dollarzugang,

den Rentner,

das Provinzkrankenhaus,

den Landwirt ohne Diesel.

Gleichzeitig entsteht eine neue soziale Topografie. Wer Überweisungen aus dem Ausland erhält, lebt anders als jemand ohne Kontakte in Florida. Der Tourismussektor bündelt Devisen. Dollarisierung fragmentiert den Alltag. Doch selbst der Tourismus liegt jetzt am Boden.

Reform – aber wohin?

Es genügt nicht zu sagen: Kuba braucht Reformen.

Die Frage ist: Welche?

Neoliberale Marktöffnung würde soziale Sicherungen zerstören und Kuba wäre sehr schnell wieder elne Halbkolonie der USA.

Stillstand konserviert jedoch Ineffizienz.

Militärisch kontrollierte Wirtschaftsbereiche blockieren Dynamik.

Fehlende Partizipation und Demokratie, mangelnder Pluralismus, schwächt Legitimität.

Grundlegendr Reformen sind notwendig. Aber sie operieren unter struktureller Abschneidung vom Weltmarkt.

Ein Land ohne stabilen Kreditzugang, ohne sichere Energieimporte, ohne normale Zahlungswege reformiert nicht im luftleeren Raum.

Die kubanische Arbeiterklasse und die Bauern wünschen sich Veränderung, sind jedoch kaum in der Lage ihren Alltag zu organisieren. Sie kämpfen um das tägliche Überleben. Ein Sturz der herrschenden Kaste ist unter diesen Bedingungen fast unmöglich.

Die größere Bühne

Die Blockade ist kein isoliertes Kapitel der Kuba-Politik. Sie ist Teil einer globalen Ordnung.

Das Dollar-System ist ein Machtinstrument.

Extraterritoriale Sanktionen disziplinieren.

Finanzmacht ersetzt militärische Intervention.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht nur: Was muss Havanna tun?

Sondern:

Kann ein kleines Land souveräne Entwicklung betreiben, wenn es vom dominanten Finanzsystem abgeschnitten wird?

Solange diese Struktur besteht, bleibt jede Reform prekär.

Dialektik statt Lagerdenken

Wer nur Washington kritisiert, verkennt die Folgen der kubanischen Einparteiendiktatur, die an ihr Ende gelangt ist.

Wer nur Havanna kritisiert, ignoriert die Folgen der jahrzehntelangen völkerrechtswidrigen Sanktionspolitik.

Beides gleichzeitig zu denken ist unbequem.

Aber notwendig.

Die Blockade stabilisiert autoritäre Reflexe.

Das autoritäre und ineffiziente kubanische Wirtschaftsmodell verstärken die Wirkung der Blockade.

Das ist kein Entweder-oder. Es ist eine gegenseitige Verstärkung.

Was bleibt

Das kubanische Entwicklungsmodell hat bis Ende der 80er Jahre bis zum Ende der Sowjetunion einigermaßen funktioniert. Jetzt ist es am Ende, nicht zuletzt aufgrund der Folgen der US-Sanktionen.

Kollektive ökonomische Strangulierung ist jedoch kein demokratisches Projekt.

Wer ein Land isoliert, baut keine Zivilgesellschaft auf.

Wer Kredit verweigert, erzeugt keine Offenheit.

Wer Energie abschneidet, schafft keine Freiheit.

Belagerung produziert Mangel.

Mangel produziert Abhängigkeit.

Und Abhängigkeit ist selten der Weg zur Demokratie.

Deshalb haben alle Recht, die die sofortige Aufhebung der Sanktionen fordern. Und ist es richtig, wenn eine weltweite Solidaritätsbewegung Kuba unterstützt. Hilfslieferungen jedlicher Art, Lebensmittel, Medikamente usw. sind notwendig.

Kuba muss sich verändern, der US-Imperialismus darf sich jedoch nicht durchsetzen !

Solidaritätslied für Kuba:

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