Mallorca: Insel der Rendite oder Ort des Widestands ?
Die Demonstration vom 15. Juni – ein Fanal gegen die Apokalypse des Massentourismus

von Sascha Schlenzig
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Palma, 18 Uhr. Auf der Plaça d’Espanya versammelten sich Zehntausend Protestierende. Ihre Banner tragen die Aufschrift: „+ Vida – Turisme“. Während Tourist:innen sich für einen weiteren Sonnenuntergang wappnen, beginnt ein anderer Aufbruch. Es ist nicht nur ein Protest gegen Müll, Lärm und Mietwucher. Es ist ein Aufstand gegen eine Ökonomie, die ganze Lebensräume in Ferienobjekte verwandelt – gegen eine Inselwirtschaft im Dienst globaler Akkumulation.
Vom Ferienparadies zur Plattform kapitalistischer Verwertung
Mehr als 31 Millionen Passagiere zählte der Flughafen Palma im Jahr 2024 – ein Allzeithoch. Über 120.000 Mietwagen verstopfen die Straßen. 15 Prozent aller Wohnungen werden touristisch genutzt. Die Mieten haben sich seit 2013 verdoppelt. Die neue Studie der balearischen Regierung zieht ein drastisches Fazit: Bis 2030 droht ein vollständiger Kollaps der Wasser-, Abfall- und Energieinfrastruktur.
„Massifizierung“ meint dabei mehr als touristische Überfüllung. Es ist der Name einer sozialen Ordnung, in der Raum nicht für Menschen produziert wird, sondern für Rendite. Raum wird zur Ware. Und Mallorca zur Plattform für globale Akkumulation – über Billigflieger, Plattformkonzerne, Fonds und Deregulierungspolitik.
Die neue Sprache des Widerstands
Die Bewegung „Menys turisme, més vida“ bricht mit alten Narrativen: Es geht nicht um ein bisschen weniger Tourismus – sondern um mehr Leben, mehr Kontrolle, mehr Selbstbestimmung. Was gefordert wird, sind keine kosmetischen Korrekturen, sondern radikale Perspektivwechsel. Wohnen wird als Menschenrecht verteidigt, Stadtraum zurückgefordert, Arbeit als würdige Tätigkeit verlangt. Die touristische Kolonialisierung wird als kulturelle Verdrängung und systemische Krise begriffen. Es geht um das Ganze.
Die Acht Forderungen für eine gerechte Insel erklärt. Die Bewegung strukturiert ihren Aufruf entlang von acht zentralen Forderungen – jede von ihnen bricht mit einem Grundpfeiler des Ferienkapitalismus:
- Wohnen ist ein Menschenrecht – Schluss mit der Umwandlung von Wohnraum in Ferienimmobilien. Leerstand enteignen, soziale Wohnprojekte fördern, Mietpreisbindung einführen.
- Recht auf Stadt – Der öffentliche Raum gehört nicht den Investoren. Keine weitere Privatisierung von Küste, Plätzen und Infrastruktur.
- Würde der Arbeit – Prekäre Saisonjobs beenden. Dauerhafte Verträge, geregelte Löhne, Rechte für migrantische Arbeitskräfte.
- Demokratisierung der Planung – Tourismusquoten und Infrastrukturprojekte müssen durch Bürgerkomitees kontrolliert werden – nicht durch Lobbys.
- Schutz der sozialen Reproduktion – Gesundheitswesen, Kitas, Bildung – diese Dienste dürfen nicht kollabieren, weil die Ressourcen an Touristen gehen.
- Klimagerechtigkeit durch Moratorium – Baustopp für Hotels, Verbot neuer Pools, Begrenzung der Flüge, Wasserverbrauch gesetzlich regulieren.
- Stärkung der Kultur – Schutz der mallorquinischen Sprache, Geschichte und Erinnerung jenseits touristischer Folklore.
- Ein anderes System denken – Mallorca darf kein Vorposten des globalen Markts bleiben.
- Eine gerechte Insel braucht Eigentumsreform, Rückbau und Commons.
Diese Forderungen sind kein Wunschzettel. Sie sind Schritte zur Rückeroberung der Insel als Lebensort – nicht als Renditeobjekt.
Mallorca ist kein Einzelfall – sondern globaler Vorbote
Ob Barcelona, Lissabon oder Tulum: Die touristische Umfunktionierung von Lebensräumen ist weltweit ein Angriff auf das Recht zu bleiben. Doch auch der Widerstand vernetzt sich. Mallorca wird zum Epizentrum einer transnationalen Bewegung, die neue Allianzen zwischen Umweltgerechtigkeit, Arbeitsrechten und Raumautonomie knüpft.
Der Apokalypse entgegentreten – von der Diagnose zur Perspektive
Die Studie warnt: Wenn das derzeitige Modell fortgeführt wird, ist das ökologische und soziale Gleichgewicht der Insel binnen fünf Jahren zerstört. Doch mit Symptombehandlung – Smart-Tickets, Elektromobilität, bessere Mülltrennung – ist es nicht getan.
Was gebraucht wird, ist ein Bruch mit der Geschäftslogik, die Mallorca zum Produkt gemacht hat. Die Alternative beginnt mit konkreten Vorschlägen von unten: Aufbau eines Observatorio Popular del Turismo zur Gegenexpertise, Enteignung von Geisterwohnungen, Organisierung migrantischer Arbeitskräfte im Tourismussektor, Klimapläne aus Bürgerkomitees, Bildungsräume jenseits von Folklore.
Wer entscheidet über Mallorca?
Die zentrale Frage lautet nicht, wie viele Touristen kommen dürfen – sondern wer über die Insel verfügen darf. Ist Mallorca eine Dienstleistungseinheit für den globalen Norden oder ein Ort der Würde für seine Bewohner:innen?
Tourismus, so zeigt sich, ist nicht neutral. Er ist ein Vehikel zur Auslagerung sozialer Kosten, zur Umverteilung von Raum und zur Erzeugung neuer Klassenverhältnisse. Wer eine gerechtere Insel will, muss daher über Eigentum, Planungshoheit und Reproduktion sprechen.
Ein Aufruf zur Verantwortung – auch an Tourist:innen
Wer Urlaub auf Mallorca macht, lebt in einer asymmetrischen Beziehung. Solidarität beginnt mit dem Bewusstsein, Teil eines Systems zu sein – und reicht bis zur aktiven Unterstützung lokaler Kämpfe: durch verantwortungsvolle Nutzung, politische Unterstützung, Weitergabe kritischer Informationen und ökonomischen Druck auf Anbieter.
Schluss: Mallorca gehört denen, die bleiben wollen
Der 15. Juni ist nicht nur eine Demonstration. Er ist ein Symbol für den Bruch. Für das Recht zu bleiben. Für das Ende der Apokalypse als Geschäftsmodell. Für eine Insel, die sich ihre Zukunft zurückholt.
Link:
https://www.mallorcamagazin.com/.../massifizierung-auf...
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