🌀 Spiritualität, Entfremdung und Verschwörungsglaube
Ein Thesenpapier gegen verkĂĽrzte Ganzheit und regressiven Irrationalismus
đź§ EINLEITUNG
In Zeiten multipler Krisen wächst das Bedürfnis nach Sinn, Halt und Ganzheit. Spirituelle Angebote – von Yoga bis Astrologie, von Heilritualen bis Human Design – scheinen Antworten zu liefern auf die zunehmende Vereinzelung, Leere und Verwirrung im neoliberalen Kapitalismus. Doch zugleich wächst ein beunruhigendes Phänomen: Die Nähe vieler spiritueller Milieus zu autoritären Ideologien, Verschwörungstheorien und irrationalem Denken.
Warum sind Spiritualität und Esoterik im Spätkapitalismus so anfällig für regressiven Irrationalismus?
Wie hängt das mit Entfremdung, subjektivem Sinnverlust und systemischer Ohnmacht zusammen?
Und: Welche Formen progressiver, gesellschaftlich bewusster Spiritualität sind möglich – ohne in rechte oder autoritäre Fallen zu tappen?
✳️ Arbeitsdefinition
Spiritualität ist die symbolische, leiblich-emotionale und gemeinschaftsbildende Praxis des Menschen, existenzielle Erfahrungen von Verbundenheit, Ganzheit oder Transzendenz zu verarbeiten – in einer Gesellschaft, die solche Erfahrungen systematisch erschwert.
Sie kann sowohl als ideologische Kompensation entfremdeter Verhältnisse fungieren als auch als Ressource für deren Kritik und Überwindung.
I. GESCHICHTLICHER RÜCKBLICK: SPIRITUALITÄT, ESOTERIK UND IRRATIONALISMUS
1. Vorbürgerliche Spiritualität:
In vormodernen Gesellschaften waren spirituelle Praktiken kollektiv eingebunden – in Rituale, Naturbezüge, Kosmologien. Spiritualität war eingebettet in sozial gelebte Weltbilder (z. B. indigene Kosmologien, schamanische Traditionen, animistische Ordnungen).
2. Aufklärung und Rationalismus:
Die bürgerliche Moderne setzte auf Rationalität, Wissenschaft und Fortschritt – Religion und Spiritualität wurden zurückgedrängt oder als Aberglauben diffamiert. Doch: Der Rationalismus war oft kalt, kolonial, patriarchal – was Gegenbewegungen provozierte.
3. Romantik und Irrationalismus:
Ab dem 18. Jh. formierte sich eine Gegenbewegung – die Romantik: Gefühl, Natur, Innerlichkeit, Mysterium. Aus ihr entwickelten sich esoterische Strömungen (Rosenkreuzer, Theosophie, Anthroposophie), aber auch antimoderne, völkische und reaktionäre Spiritualität.
4. Faschismus und Esoterik:
Teile der NS-Ideologie waren tief durchdrungen von esoterischem Irrationalismus: Ariosophie, okkulte „Germanenkulte“, Blut-und-Boden-Mythen. Irrationale Ganzheitssehnsüchte verbanden sich mit autoritärer Gewalt.
5. 1968ff.: New Age & Selbstfindung:
In der Alternativbewegung wurde Spiritualität wieder positiv aufgeladen: Selbstverwirklichung, Bewusstsein, Körper, Natur. Doch schnell wurde daraus eine Ware – das „New Age“ wurde ein Marktsegment.
6. Gegenwart:
Heute koexistieren regressiv-esoterische, neoliberale und progressive Spiritualitäten – oft unverbunden, oft ideologisch formbar. In Krisenzeiten sind viele Menschen besonders anfällig für autoritäre Angebote unter spirituellem Deckmantel.
II. DIE STRUKTURELLE LOGIK DER ENTFREMDUNG
These 1: Entfremdung ist im Kapitalismus strukturell: Menschen verlieren die Kontrolle ĂĽber ihr Tun, ĂĽber ihre Beziehungen, ĂĽber den Sinn ihres Lebens.
These 2: Marx beschreibt vier Dimensionen der Entfremdung:
- von der Arbeit
- vom Produkt der Arbeit
- von anderen Menschen
- vom eigenen „Gattungswesen“ (also: von sich als kreativ-gesellschaftlichem Wesen)
These 3: Spirituelle Sehnsucht entsteht als Reaktion auf diese Leere – sie ist nicht irrational, sondern verständlich: Der Mensch sucht nach einem verlorenen Ganzen.
These 4: Der Kapitalismus jedoch bietet Spiritualität als Ware an – und verwertet selbst das Bedürfnis nach Transzendenz: Self-Care, Mindfulness, Retreats, Astro-Coaching, „Positive Vibes only“.
III. SUBJEKT, OHNMACHT UND SINNKRISEN
These 5: Die subjektive Erfahrung von Entfremdung äußert sich als:
- Leere und Sinnlosigkeit
- Angst und Vereinzelung
- Leistungsdruck und Ăśberforderung
- Misstrauen gegenüber Autoritäten
These 6: Spiritualität reagiert auf diese Krise des Subjekts:
- sie verspricht Sicherheit, Ganzheit, Sinn
- sie bietet Rituale, Resonanz und Zugehörigkeit
- sie personalisiert strukturelle Probleme: „Heile dich selbst“
These 7: Die kritische Psychologie (Holzkamp) zeigt: Solche Bewältigungsstrategien sind gesellschaftlich vermittelt – sie ersetzen reale Handlungsfähigkeit durch symbolische Verarbeitung.
IV. DIE KONVERGENZ MIT VERSCHWĂ–RUNGSDENKEN
These 8: Viele spirituelle Milieus sind überdurchschnittlich offen für Verschwörungserzählungen – z. B. über „Eliten“, „Geheimwissen“, „dunkle Mächte“, „Weltregierungen“, „Manipulation durch Pharma, Medien, 5G, KI“.
These 9: Das liegt an strukturellen Parallelen:
- dualistisches Denken (Gut–Böse, Erwachte–Schlafende)
- ganzheitliche Weltbilder mit verborgenen Kräften
- Betonung von Intuition, „Herzenswissen“ statt Wissenschaft
- Ablehnung von Staat, Technik, Medien – aber ohne Systemkritik
These 10: Verschwörungsideologien sind die verzerrte Form von Kapitalismuskritik ohne Klassenanalyse – sie lokalisieren Macht in bösen Akteuren statt in sozialen Verhältnissen.
These 11: Besonders gefährlich wird es, wenn Spiritualität autoritäre Formen annimmt: spirituelle Führer:innen, „heilige Ordnung“, „Bewusstseinskrieg“ – bis hin zu QAnon, Querdenken oder rechtem Esoterik-Feminismus.

V. IDEOLOGIE ODER BEFREIUNG? – SPIRITUALITÄT ALS UMKÄMPFTES FELD
These 12: Spiritualität ist keine harmlose Privatsache – sie ist eine ideologische Arena. Ihre Formen können:
- affirmativ sein (Entfremdung schönreden)
- kompensatorisch sein (Leiden lindern, ohne Ursache zu benennen)
- emanzipatorisch sein (WidersprĂĽche spĂĽrbar machen und politisieren)
These 13: Beispiele progressiver Spiritualität:
- Befreiungstheologie in Lateinamerika
- Mystische Religionskritik bei Benjamin oder Simone Weil
- queere Ritualpolitik (z. B. adrienne maree brown, Starhawk)
- antikoloniale Kosmologien und indigener Widerstand
These 14: Eine kritische Linke muss Spiritualität nicht verwerfen – sondern analysieren, unterscheiden, ansprechbar machen.
These 15: Die Frage lautet nie: Spirituell oder nicht? – sondern: Welche Spiritualität – für welche Welt – mit welcher Funktion?
📚 THEORIE- UND LITERATURHINWEISE
- Karl Marx: Ă–konomisch-philosophische Manuskripte
- Rahel Jaeggi: Entfremdung
- Erich Fromm: Haben oder Sein
- Walter Benjamin: Ăśber den Begriff der Geschichte, Mystik des Widerstands
- Silvia Federici: Caliban und die Hexe
- Helmut Kellershohn (Hrsg.): Rechte Esoterik
- Michael Butter: Nichts ist, wie es scheint (Verschwörungsideologien)
- Byung-Chul Han: Psychopolitik, Die Errettung des Schönen
- Peter Staudenmaier: Between Occultism and Nazism
🎯 HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN
- Bildung: Spirituelle Angebote in linken und progressiven Kontexten ideologiekritisch begleiten – nicht pauschal verwerfen.
- Analyse statt Abwehr: Spiritualität verstehen lernen – als Ausdruck gesellschaftlicher Widersprüche.
- Aufklärung gegen Verschwörungsdenken: Differenzierte politische Bildungsarbeit – speziell im spirituell-esoterischen Spektrum.
- Räume schaffen für Resonanz und Utopie: Körper, Gefühl, Ritual nicht rechts liegen lassen – sondern vergesellschaften.
- Kritik kultivieren – ohne Zynismus: Spiritualität als Widerspruchsfeld ernst nehmen – mit klarem ethischen und politischen Kompass.