Stabilität gegen Befreiung

Wie äußerer militärischer Druck, regionale Interessen und innere Krise den Iran einfrieren

Stabilität gegen Befreiung

Die Krise des Iran ist älter als die gegenwärtige militärische Zuspitzung – und doch wird sie von ihr neu geformt. Seit Ende 2025 ist aus einer chronischen Reproduktionskrise des Alltags im Iran ein permanenter Ausnahmezustand geworden. Arbeit trägt nicht mehr. Einkommen verlieren ihren Wert. Bildung erzeugt keinen sozialen Aufstieg. Proteste sind keine Ausnahme, sondern Alltag.

Neu ist ihre Überlagerung durch äußeren militärischen Druck. Die aktuelle Eskalation eröffnet keinen Weg zur Befreiung. Sie wirkt als Mechanismus der Stabilisierung: Militärische Drohung von außen und regionale Interessen an Ordnung greifen ineinander. Die Krise wird verwaltet, nicht gelöst.

Eskalation als Ersatzpolitik

Die Drohkulisse der USA – Flottenverlegungen, die Rede von „chirurgischen Schlägen“ – folgt keiner kohärenten Kriegsstrategie. Sie folgt einer Eskalationsökonomie: Unter Donald Trump ersetzt Drohung die Politik.

Diese Logik verkennt ihre Wirkung im Inneren des Iran. Militärischer Druck schließt Räume, auch jene, in denen gesellschaftliche Emanzipation überhaupt erst entstehen könnte. Soziale Konflikte werden externalisiert, Proteste zu Sicherheitsfragen erklärt, Loyalitäten erzwungen, wo zuvor Bruchlinien sichtbar waren.

Repression durch Bedrohung

Äußerer Druck wirkt nicht neutral. Er diszipliniert. Er mobilisiert Repressionsapparate, die sich als Verteidiger der Nation präsentieren können. Jede Form kollektiver Organisation wird riskanter. Streiks, Selbstorganisation und dauerhafte Gegenmacht verlieren Handlungsspielräume.

Kurzfristig mag dies ein Regime militärisch schwächen. Politisch jedoch verankert es autoritäre Herrschaft. Äußere Bedrohung schließt innere Risse – gerade in einer Phase, in der sie sich vertiefen könnten.

Die regionale Machtgeografie: Stabilität als Klassenposition

Diese Dynamik lässt sich nicht allein aus Washington und Teheran erklären. Sie wird regional gerahmt, insbesondere durch Saudi-Arabien und Katar, die sich offen gegen eine militärische Eskalation positionieren – nicht aus Solidarität mit der iranischen Gesellschaft, sondern aus nüchterner, kalkulierter Interessenlage. Beide Länder haben kein Interesse an einem demokratischen und prosperierenden Iran.

Saudi-Arabiens Annäherung an Teheran seit 2023 ist keine Versöhnung, sondern Risikoabwägung. Ein kollabierender Iran – mit Bürgerkrieg, Fluchtbewegungen und asymmetrischer Gewalt – wäre für Riad gefährlicher als ein geschwächtes, autoritäres Regime. Katars Strategie der Vermittlung folgt derselben Logik: Deeskalation sichert Handlungsspielräume; ein demokratischer Umbruch ist kein strategisches Ziel.

Ein Gleichgewicht, das Veränderung verhindert

So entsteht ein Gleichgewicht, das fragil wirkt, aber politisch funktioniert. Der Iran wird bedroht, aber nicht angegriffen. Die Proteste delegitimieren das Regime, brechen es jedoch (noch) nicht. Regionale Mächte wollen einen (größeren) Krieg – und konservieren damit den Status quo.

Warum Befreiung von innen und außen blockiert wird

Für die Millionen protestierenden Iranerinnen und Iraner bedeutet diese Konstellation eine doppelte Blockade – von innen durch Repression, von außen durch eine Ordnungspolitik, die Veränderung fürchtet. Sanktionen und militärische Drohungen treffen Klassen ungleich. Eliten umgehen sie, subalterne Gruppen zahlen den Preis.

Revolutionen entstehen nicht aus Drohungen. Sie entstehen aus Machtverschiebungen: aus koordinierten Arbeitskämpfen, aus erodierender Loyalität, aus Gegenmacht im Alltag. Aus dem erneuten und dauerhaften Protest von Millionen Iranerinnen und Iranern. Genau diese Prozesse werden durch äußere Eskalation erschwert,

Die revolutionäre Perspektive: Prozess statt Moment

Objektiv sind viele Voraussetzungen gegeben: blockierte Reproduktion, massenhafte Verelendung, ein delegitimierter Staat, anhaltende Mobilisierung. Was fehlt, ist organisierte Gegenmacht. Protest allein verschiebt keine Herrschaft. Revolution beginnt dort, wo Menschen nicht nur demonstrieren, sondern Arbeit, Versorgung und Alltag der staatlichen Kontrolle entziehen.

Der qualitative Bruch läge nicht in weiteren Straßenprotesten, sondern in ihrer Verbindung mit sozialer Macht. Koordinierte Arbeitsniederlegungen in Schlüsselindustrien – Energie, Transport, Industrie – würden die Machtfrage erstmals praktisch stellen. Erst wenn Arbeitskämpfe, Frauenproteste, Studierendenbewegungen und urbane Aufstände politisch vermittelt werden, entsteht eine klassenführende Dynamik.

Bislang sind die Proteste breit, aber nicht hegemonial. Sie delegitimieren das Regime, ohne seine materielle Basis zu treffen. Das ist kein Scheitern der Bewegung, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Repression und der systematischen Zerschlagung von Gewerkschaften, Parteien und autonomen Netzwerken. Organisation kann unter diesen Bedingungen nicht als klassische Partei gedacht werden. Sie entsteht als Verdichtung: lokale Komitees, informelle Koordination, solidarische Alltagsstrukturen.

Entscheidend bleibt die Frage der Sicherheitsapparate. Kein autoritäres Regime fällt, solange Polizei, Militär und paramilitärische Kräfte geschlossen bleiben. Eine revolutionäre Perspektive öffnet sich erst, wenn Loyalität bricht, Gehorsam aussetzt und staatliche Macht ihre Selbstverständlichkeit verliert.

Gerade deshalb blockiert äußerer militärischer Druck revolutionäre Prozesse. Er schließt Risse, diszipliniert Apparate und kriminalisiert Organisation. Eine revolutionäre Perspektive im Iran setzt paradoxerweise äußere Zurückhaltung voraus. Sie kann sich nur gegen Intervention, gegen Sanktionen, gegen geopolitische Instrumentalisierung entfalten.

Die wahrscheinlichste Form revolutionärer Entwicklung ist kein Umsturz, sondern ein langer, widersprüchlicher Prozess. Revolution erscheint hier weniger als Moment, mehr als Bruchlinie – offen, riskant, nicht garantiert.

Stabilität gegen Befreiung

Die iranische Krise ist real. Tief. Gesellschaftlich. Der äußere militärische Druck ist real. Solidarität mit den Protesten im Iran beginnt dort, wo ihre Autonomie nicht geopolitisch verrechnet wird – gegen staatliche Repression, gegen militärische Eskalation und gegen eine regionale Ordnung, die Veränderung nur als Risiko kennt. Die Revolution im Iran könnte die Vorstufe zur Veränderungen des gesamten Nahen Ostens werden.

Und genau das wollen die USA, die EU, Israel und die Golf-Monarchien auf jeden Fall verhindern.

Subscribe to Kritik & Praxis - Verstehen. Hinterfragen. Verändern

Don’t miss out on the latest issues. Sign up now to get access to the library of members-only issues.
jamie@example.com
Subscribe
JETZT KOSTENLOS ABONNIEREN
kritikundpraxis.substack.com