Stonewall lebt – aber nicht in den Werbespots

Von Sascha Schlenzig

Wenn ich heute über Stonewall spreche, denke ich nicht an Konfetti. Ich denke an gebrochene Nasen, zerrissene Strumpfhosen und an Menschen, die wussten: Wer lebt, muss kämpfen. Es war ein heißer Sommerabend, als das Fass überlief. Im Innern des Stonewall Inn brodelte es schon lange – nicht nur wegen der Polizeiknüppel, die regelmäßig auf Körper niederfuhren, deren Existenz nicht vorgesehen war. Nein, es war die aufgestaute Wut einer Klasse von Menschen, die nichts zu verlieren hatten außer ihren Fesseln.

Man kann sich die Szene vorstellen: Trans Frauen, Sexarbeiterinnen, Drag Queens, junge Obdachlose – sie schleuderten Bierflaschen, Backsteine, sich selbst gegen die Uniformierten. Kein Instagram-Filter, kein Corporate Sponsoring. Nur der Schrei: „Wir existieren – ob es euch passt oder nicht.“

Und heute? Heute rollen Panzerwagen bei CSD-Paraden mit Regenbogenflagge ein, während Visa und BMW stolz ihre Pride-Banner hissen. Die Bewegung, die aus dem Knast kam, wird von Banken beworben. Das ist keine Anerkennung – das ist Einverleibung.

Pride wurde zur Marke – und gerade deshalb wächst am Rand der Events eine neue Wut. Die Dialektik der Anerkennung ist: Sie macht uns sichtbar, aber nicht frei. Der Kampf um Sichtbarkeit wurde zur Oberfläche – die Kämpfe darunter werden erneut zum Schweigen gebracht. Während westliche Banken den Pride-Monat feiern, wird er in Uganda, Polen oder Florida kriminalisiert. Auch das ist Stonewall: Solidarität, wo sie politisch weh tut.

Stonewall erinnert uns an etwas Unbequemes: dass Veränderung nicht aus Ministerien kommt, sondern aus dem Widerstand der Marginalisierten. Dass queere Befreiung kein Lifestyle ist, sondern ein Kampf. Und dass Pride ohne Protest nur Party ist.

Wer sich heute auf Stonewall beruft, sollte sich fragen: Stehen wir auf der Seite derer, die warfen? Oder jener, die heute wieder zuschlagen?

Wenn Pride mehr sein soll als Werbefläche, dann müssen wir Stonewall weiterdenken: in jedem Flüchtlingslager, in jedem Polizeigewahrsam, in jeder queeren Jugend ohne Wohnung.

(c) Kritik & Praxis - Verstehen. Hinterfragen. Verändern

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