Theorie ohne Klassenkampf? Die Neue Marx-Lektüre am Scheideweg

von Sascha Schlenzig

Es war der stille Triumph einer Schule, die nie vorgab, eine zu sein: Die Neue Marx-Lektüre (NML) hat in den letzten zwei Jahrzehnten das Verständnis von Karl Marx' Kritik der politischen Ökonomie geprägt wie keine andere Strömung. Ihr Fokus auf systematische Rekonstruktion, kategoriale Strenge und das Ausschlagen jeder „vulgären“ Vergegenwärtigung – etwa bei Michael Heinrichs „Wissenschaft vom Wert“ oder in Ingo Elbes „Marx im Westen“ – galt als intellektueller Fortschritt. Doch Johann Friedrich Anders hat diesen Triumph in Frage gestellt – nicht aus Unkenntnis, sondern aus einem dezidiert marxistischen Anliegen: Was, wenn eine Theorie, die sich auf Marx beruft, aber die Praxis meidet, ihren Gegenstand selbst verfehlt?

Zwischen philologischer Klarheit und politischer Leerstelle

Die Kritik ist so präzise wie tiefgreifend: Anders – in seinem Aufsatz „Die Neue Marx-Lektüre – Anspruch und Wirklichkeit“ in Z. 111/2017 – wirft der NML vor, sich in endlosen Textanalysen zu verlieren und dabei jede strategische, klassenpolitische oder revolutionstheoretische Implikation zu scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Wo Michael Heinrich sich im Kategoriensystem des Kapital einrichtet, wo Ingo Elbe zwischen Theoriearchitektur und Diskursgeschichte wechselt, da fragt Anders schlicht: Was bringt das der Arbeiterin bei Amazon oder dem Streikenden bei der Bahn?

Nicht dass diese Fragen irrelevant wären – im Gegenteil. Die NML hat wichtige Klarstellungen geliefert, insbesondere zur Trennung von Marx' Kritik der politischen Ökonomie und dem ökonomischen Mainstream, ebenso zur Wertformanalyse. Doch Anders kritisiert nicht nur, was sie tut, sondern vor allem, was sie nicht tut: Sie stellt keine Hypothesen über das strategische Handeln in der Gegenwart auf, sie interveniert nicht, sie verhält sich nicht antagonistisch. Ihre Kritik bleibt formal – nicht existenziell.

Akademische Marxisten ohne Partei?

Der Subtext ist deutlich: Eine Theorie, die ihre Wirkungsmacht nur an Zitierhäufigkeit und akademischer Anschlussfähigkeit misst, hat Marx’ Kritik nicht verstanden. In einer Welt, in der Streiks, Klimakämpfe, Aufstände gegen Repression oder Mietpreisexplosion eruptiv aufflammen, erscheint es absurd, Marx auf ein Lehrgebiet der Sozialwissenschaften zu reduzieren.

Doch genau dies, so Anders, ist der stille Konsens der NML: Keine Parteinahme, keine Organisationsfrage, kein strategisches Denken. Stattdessen eine „reine“ Theorie, deren Praxisbegriff ins Leere läuft. Die ideologische Funktion dieser Zurückhaltung liegt für Anders auf der Hand: Es ist die Selbstentlastung der intellektuellen Linken in einer Zeit, in der Handlungsfähigkeit wieder zur Frage von Leben und Unterdrückung geworden ist.

Ein prominentes Beispiel: In einem Interview betont Michael Heinrich, er wolle keine strategischen Handlungsanweisungen geben, sondern nur „Erkenntnisarbeit“ leisten. Doch genau darin liegt das Problem: Eine Theorie, die sich selbst für unzuständig erklärt, delegiert das Politische – und damit das Risiko – an andere.

Theorie, die etwas will – oder nichts wagt?

Was also tun mit dieser Kritik? Sicher: Die NML hat viele methodische und systematische Fortschritte erbracht. Sie hat Marx gegen seine Dogmatisierung verteidigt, hat die logische Struktur der Wertkritik offengelegt und zu Recht auf die Fallstricke des „objektiven“ Klassenstandpunkts hingewiesen. Aber: Hat sie das Kind mit dem Bade ausgeschüttet?

Eine Theorie, die kein Verhältnis zur Veränderung sucht, wird zur Philosophie im schlechtesten Sinne: zur Selbstbespiegelung. Es ist kein Zufall, dass die Werke der NML fast vollständig in akademischen Verlagen erscheinen, dass ihre Protagonist:innen selten auf Streikkonferenzen sprechen und dass ihr Publikum – so Anders – eher an sprachlicher Präzision als an politischer Wirksamkeit interessiert ist.

Gerade in einer Zeit der autoritären Verschiebung, der ökologischen Katastrophen, der digitalen Kontrolle und der neuen Klassenkämpfe – von Fridays for Future über die Krankenhausbewegung bis hin zu #MakeAmazonPay – braucht es eine Theorie, die nicht nur erklärt, sondern ermächtigt. Die Neue Marx-Lektüre hat das Handwerkszeug dafür geliefert – doch das Werkzeug allein macht noch keine Befreiung.

Epilog: Praxis ist kein nachträglicher Zusatz

Der Essay von Johann Friedrich Anders ist ein Weckruf. Nicht gegen Theorie, sondern gegen ihre Versteinerung. Nicht gegen Marx-Philologie, sondern gegen Marx ohne Kampf. Wer Marx wirklich ernst nimmt, muss ihn aus der Bibliothek holen – und in den Alltag tragen: in die Kämpfe um Löhne, Körper, Räume, Kontrolle und Hoffnung.

Denn Theorie, die nichts will, bleibt harmlos. Aber Marx wollte etwas – so wie Rosa Luxemburg, die sagte: „Sozialismus oder Barbarei.“ Oder Gramsci, der forderte: „Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens.“ Eine marxistische Theorie ohne praktisches Begehren bleibt blind für ihre Zeit.

Link:

https://www.grundrisse.net/grundrisse37/Wie_Marx_nicht_gelesen.htm


(c) Kritik & Praxis – Verstehen. Hinterfragen. Verändern.

Du magst meine Artikel, Essays und Thesenpapiere – jetzt kannst du mehr davon direkt ins Postfach bekommen!

📰 Kritik & Praxis – Analysen, politischer Klartext, Gegenmacht.

💌 Jetzt kostenlos abonnieren

Subscribe to Kritik & Praxis - Verstehen. Hinterfragen. Verändern

Don’t miss out on the latest issues. Sign up now to get access to the library of members-only issues.
jamie@example.com
Subscribe
JETZT KOSTENLOS ABONNIEREN
kritikundpraxis.substack.com