Vier Jahre Vollinvasion: Putins Ukraine-Ideologie ist der entscheidende Kriegsgrund

Vier Jahre Vollinvasion: Putins Ukraine-Ideologie ist der entscheidende Kriegsgrund

Die NATO ist kein Friedensprojekt. Der Westen hat eigene Kriege geführt, Regime gestützt, Länder destabilisiert. Das gehört zur Wahrheit.

Aber daraus folgt nicht, dass Putins Krieg „Notwehr“ sei. Das ist ein Kurzschluss. Und er hilft am Ende nur der russischen Propaganda.

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine wird noch immer als „Reaktion“ erklärt. Vor allem als Antwort auf NATO-Osterweiterung. Diese Deutung ist bequem. Und sie verfehlt den Kern.

Der Kern ist: Für Wladimir Putin ist dieser Krieg eine Antwort auf die bloße Existenz einer eigenständigen ukrainischen Nation.
Sicherheits-, geopolitische und ökonomische Faktoren existieren. Sie bilden den Rahmen. Aber sie erklären weder Zeitpunkt, noch Zielrichtung, noch Eskalationslogik.

Was das erklärt, ist Putins eigenes Weltbild. Und das lässt sich aus seinen Texten und Reden ziemlich sauber herauslesen.

Und es erklärt noch etwas: Warum so viele den Krieg bis zuletzt nicht „für möglich“ hielten. Sie sahen die Panzer. Aber sie glaubten nicht an den Willen zur Vollinvasion. „Capability“ ja, „Intent“ nein. Das war keine Informationslücke. Das war ein Deutungsfehler aufgrund jahrzehntelanger Illusionen.

Dazu passen zwei Bilder aus den letzten Tagen vor dem 24. Februar 2022: Ein deutscher Geheimdienstchef, der noch in Kyjiw ist, als der Krieg losgeht. Und eine Bundesregierung, die sich bis zuletzt an Verhandlungsformate klammert, als ließe sich ein ideologischer Entschluss wegmoderieren.

Der ex-Kanzler Olaf Scholz sagt inzwischen, Putin habe den Angriff lange im Voraus geplant. Das ist das Gegenteil einer spontanen „Notwehr“. Und Putins Pandemie-Isolation beschreibt den Kontext: enger Kreis, mehr Sicherheitsapparat, weniger Korrektur. Das ist kein psychologischer Klatsch. Das ist Herrschaftstechnik.


1) Warum die NATO-Erklärung nicht trägt

Putin nutzt die NATO seit Jahren als Begründungskulisse. Aber wenn man seine zentralen Texte liest, steht dort nicht „akute militärische Notwehr“. Dort steht „Geschichte“, „Einheit“, „künstliche Staatlichkeit“. Dort steht: Ukraine als Abweichung.

Dazu kommt ein einfacher Prüfstein: Als Finnland und Schweden NATO-Mitglieder wurden, gab es Drohungen und Anpassungen – aber keinen zweiten 24. Februar. Und Putin sagte schon 2022 sinngemäß: Das sei „keine Bedrohung“ an sich, problematisch sei eher die Infrastruktur.

Das ist der Punkt: NATO taugt bei Putin als Ausrede-Maschine. Aber der Motor ist ein anderer.

Wer trotzdem bei „NATO ist schuld“ stehen bleibt, landet in einem schlechten Pseudi-Antiimperialismus: Der Westen wird als einziger relvanter Akteur gedacht. Russland wird zur bloßen Reaktion gezwungen.


2) Putins eigene Worte: Eskalation in vier Akten

Akt 1: Vor 2014 – Vereinnahmung statt Anerkennung

Die Ukraine erscheint bei Putin früh als Kulturraum, nicht als souveräner Staat: „historisch verbunden“, „eigentlich eins“. Das klingt weich. Es ist politisch hart. Denn wer so spricht, markiert Selbstbestimmung als Irrtum.

Akt 2: Juli 2021 – Das Manifest

Im Essay „On the Historical Unity of Russians and Ukrainians“ formuliert Putin seine Welt in geschlossenem Ton: Russen, Ukrainer, Belarussen seien „ein Volk“, die ukrainische Nation sei Ergebnis äußerer Manipulation. Das ist keine harmlose Geschichtserzählung. Das ist ein Bauplan. Wenn Ukraine „eigentlich“ nicht eigenständig ist, wird Souveränität zur Zumutung. Und Gewalt wird zur „Korrektur“.

Akt 3: 21. Februar 2022 – Geschichtsabrechnung statt Sicherheitslage

Drei Tage vor dem Einmarsch hält Putin eine lange Rede. Sie ist weniger Sicherheitsanalyse als Abrechnung mit ukrainischer Staatlichkeit und mit Lenin, der aus Putins Sicht „falsch“ Nationenpolitik betrieben habe. Bemerkenswert ist auch hier: Der Ton ist ideologisch. Nicht operativ. Es geht um Ursprung, nicht um einen unmittelbar drohenden Angriff.

Akt 4: 2024/2025 – Dementi der Notwehr und offene Besitzbehauptung

Im Carlson-Interview wird Putin mit der Idee eines möglichen „Surprise attack“ konfrontiert. Seine Antwort ist sinngemäß: Er habe das nicht behauptet.
Und im Juni 2025 fällt dann der Satz, der alles bündelt. Auf dem St. Petersburger Wirtschaftsforum sagt Putin: „In that sense, the whole of Ukraine is ours.“

Das ist keine Sicherheitsdoktrin. Das ist ein Besitzanspruch.


3) Drei Einwände – drei Antworten

Einwand 1: „Aber NATO hat doch mit provoziert.“

Ja. NATO-Politik ist Teil des Kontexts. Aber Kontext ist nicht Ursache. Putins zentrale Begründung ist Nationsverneinung: Ukraine als „künstlich“, als „Teil“ eines größeren Russlands. Diese Idee trägt das Kriegsziel.

Einwand 2: „Aber es geht doch um Territorium und Rohstoffe.“

Natürlich spielt Materialität eine Rolle. Aber der Krieg folgt nicht nur der Logik klassischer Expansion. Er folgt einer Logik der Entwertung: Ukraine soll als politisches Subjekt nicht gelten. Wer ein Volk politisch entwertet, führt Krieg gegen Sprache, Schule, Erinnerung. Genau das sehen wir.

Einwand 3: „Ideologie ist doch nur Propaganda.“

In diesem Fall nicht. Ideologie ist hier handlungsleitend. Sie ist Staatsraison. Sie strukturiert Ziele, Feindbilder, Kompromissunfähigkeit.


4) Putins Russland als Sonderform imperialer Gewalt im Spätkapitalismus

Ein verbreiteter Fehler in Teilen linker Debatten ist ein enger Ökonomismus: als ließen sich Kriege fast vollständig aus „Interessen“ lesen, während Ideologie nur Nebel sei.

Putins Russland wirkt anders: oligarchischer Kapitalismus, autoritärer Staat, historischer Ursprungsmythos. Die Nationserzählung ist nicht Schmuck am Helm. Sie ist Helm und Visier.

Das zeigte sich schon in den ersten Kriegstagen. Viele westliche Dienste rechneten mit dem schnellen Fall Kyjiws. Man lieferte zunächst Waffen für einen Partisanenkrieg, nicht für eine Verteidigung im offenen Feld. Und dann kam der Gegenmoment: Selenskyjs kurzes Video aus Kyjiw („Ich bin hier“) sagte: Der Staat verschwindet nicht. Das änderte Erwartungen. Und es zeigte ukrainische Handlungsfähigkeit, die in vielen Debatten oft untergeht.

5) Praxis: Ideologie wird Politik in den besetzten Gebieten

Wenn es nur um „Sicherheit“ ginge, würde man Pufferzonen bauen. Aber was in besetzten Gebieten dokumentiert ist, zielt auf Anpassung und Ersetzung:

Russifizierte Bildung: Unterdrückung ukrainischer Sprache und Lehrpläne, Einführung russischer Curricula und Propaganda. Zwang und Gewalt gegen Lehrkräfte: Drohungen, Verschleppungen, Misshandlung, um das System durchzusetzen. „Patriotische“ und militarisierte Erziehung: Programme, die Kinder auf Loyalität und Krieg trimmen, plus Sanktionen gegen ukrainische Sprache. Klima der Angst: Repression, Einschüchterung, Kontrolle.

Und der Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs gegen Putin wegen unrechtmäßiger Deportation/Verbringung ukrainischer Kinder ist in diesem Kontext kein Detail. Russifizierung war schon immer Teil russisch imperialer Politik.


6) Bilanz: Zerstörung als Konsequenz der Nationsverneinung

Verifizierte zivile Opfer (UN-Monitoring): Von Februar 2022 bis Dezember 2025 wurden 14.999 Zivilist:innen getötet und 40.601 verletzt (verifiziert; reale Zahlen vermutlich höher).


2025 als Einschnitt: Laut UN-Monitoring war 2025 das tödlichste Jahr für Zivilist:innen seit 2022; Reuters nennt für 2025 2.514 Tote und 12.142 Verletzte.
Militärische Verluste (Schätzungen): CSIS schätzt bis Ende 2025 rund 1,2 Mio. russische und bis zu 600.000 ukrainische militärische „casualties“ (getötet/verwundet/vermisst). Das sind Schätzwerte, keine verifizierten Totenzahlen.

Sie passt zur Logik eines Projekts, das die Ukraine als eigenständiges politisches Subjekt nicht anerkennt.

Und sie wird durch Kriegsökonomie getragen. Kriegsökonomie heißt immer auch Klassenpolitik: Umverteilung nach oben, Militarisierung von Arbeit, Repression nach innen. Die Profiteure sitzen in Rüstung, Rohstoff, Logistik. Zahlen, riskieren, sterben: die unteren Klassen. In Russland wie in der Ukraine. Mit dem jedoch entscheidenden Unterschied, dass die Ukraine keine andere Wahl hat sich militärisch zu verteidigen, um ihr Recht auf Selbstbestimmung zu verteidigen.


7) Keine Illusionen mehr

Dieser Krieg endet nicht durch Deals, solange sein ideologisches Ziel unangetastet bleibt: die Unterordnung der Ukraine und die Entwertung ihrer Selbstbestimmung.

Ein Antiimperialismus, der nur westliche Akteure als handlungsfähig behandelt, macht sich blind. Und er reproduziert am Ende Eurozentrismus: als wäre Russland nur „reagierend“, nie gestaltend.

Putins Russland ist ein handelnder Akteur mit eigener reaktionärer Ordnungsvorstellung. Ein zentrales Element dieser Ordnung ist: Ukraine darf nicht eigenständig sein.

Wer Frieden will, muss genau diese Grundannahme zurückweisen. Und er muss die materiellen Kanäle schließen, die den Krieg finanzieren. Sonst bleibt Friedensrhetorik: Papier.

Was folgt daraus für Linke?

Linke Solidarität heißt nicht NATO-Heilslehre. Und sie heißt vor allem nicht die Relativierung völkerrechtswidriger russischer Aggression.


Sie heißt: Selbstbestimmung ernst nehmen. Ukrainische und russische Flüchtlinge schützen. Deserteure und Kriegsgegner unterstützen. Oligarchenvermögen angreifen statt normale Leute zahlen lassen. Und endlich die Doppelmoral beenden: keine Kriegsfinanzierung durch Hintertüren, keine „wir sanktionieren“ auf Pressekonferenzen und „wir kaufen weiter“ in der Realität.

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