Von der Lust zur Kritik zur Lust weiter zu denken

🧠 Kurzzusammenfassung & Kritik am “Kalmring”

Stefan Kalmrings Buch ist ein leidenschaftliches Plädoyer fĂĽr eine RĂĽckgewinnung der gesellschaftsverändernden Funktion von Kritik. Es ist zugleich eine Absage an die postmoderne Entleerung des Kritischen, an die dogmatische Erstarrung linker Bewegungen und an die neoliberale Integration von Kritik als Managementkompetenz. Stattdessen setzt Kalmring auf eine emanzipatorische, widerständige, reflexive Kritikpraxis, die sowohl auf soziale Transformation zielt als auch ihre eigenen Mittel und Formen radikal infrage stellt.

Er entwickelt seine Argumentation in fĂĽnf Schritten:

  • (1) Analyse der Oberflächenkonjunktur von „Kritik“ im akademischen wie medialen Diskurs, deren politische Harmlosigkeit er entlarvt.
  • (2) Kritik an den realsozialistischen und orthodox-marxistischen Traditionen, die zwar Kritik propagierten, aber selbst keine mehr duldeten.
  • (3) Rekonstruktion eines rebellischen Subjektverständnisses jenseits von Determinismus und voluntaristischem Idealismus.
  • (4) Reflexion ĂĽber die politische Formfrage (Organisation, Staat, Partei) als konstitutives Moment von Emanzipation.
  • (5) Plädoyer fĂĽr ein neues utopisches Denken, das nicht dogmatisch, sondern experimentell, sinnlich, offen und historisch gebrochen bleibt.

Kalmring analysiert Kritik als einen Kampfbegriff, der nicht nur auf Inhalte, sondern auf Praktiken, Formen und Subjektpositionen zielt. Kritik, so sein zentrales Argument, muss wieder gefährlich, lustvoll und parteilich werden. Sie darf nicht neutral bleiben. Sie muss sich auf das Ganze richten – also auf die kapitalistische Vergesellschaftung in ihrer Totalität –, ohne selbst totalitär zu werden.

Die Analyse ist tief verankert in der marxistischen Theoriegeschichte, doch bricht mit allen Orthodoxien:


Marx, Luxemburg, Gramsci, Adorno, Bloch, Castoriadis, Butler, Benjamin, Boltanski und Foucault werden zusammengedacht – nicht in Form einer Beliebigkeit, sondern als pluralistische Traditionslinie, die Kritik als widersprüchliche Praxis der Selbst- und Weltveränderung begreift.

Der zentrale Widerspruch, den Kalmring produktiv macht, ist jener zwischen:

  • der Notwendigkeit, Kritik zu organisieren (Partei, Bewegung, Diskurs)
  • und der Gefahr, dass diese Organisation selbst zum Objekt der Kritik werden muss.

Sein Vorschlag: eine Kritik, die sich selbstkritisch organisiertreflexiv handeltutopisch bleibtsich nicht schont â€“ und gerade deshalb revolutionär sein kann.


2. đź§© Theoretische Reflexion zentraler Debatten

Kalmrings Intervention steht an der Schnittstelle zwischen drei theoretischen Feldern:

a) Kritik der Orthodoxie

Er bricht mit leninistischen und stalinistischen Traditionslinien, indem er zeigt, dass diese Kritik zum reinen Durchsetzungsinstrument von Macht degradierten. Hier knĂĽpft er an CastoriadisBenjamin und die frĂĽhe Frankfurter Schule an.

b) Kritik des Poststrukturalismus

Gegen die postmoderne Fragmentierung und Entpolitisierung von Kritik (Ă  la Foucault, Luhmann, Butler) betont Kalmring die Notwendigkeit einer gesellschaftstheoretischen Fundierung â€“ einer Kritik, die das Ganze meint, nicht nur Diskurse. Dennoch rezipiert er diese Autoren produktiv.

c) Kritik des Neoliberalismus

Er diagnostiziert, dass Kritik im neoliberalen Regime zur Selbstoptimierungsressource verkommt. In Anschluss an Boltanski/Chiapello zeigt er, wie der „neue Geist des Kapitalismus“ selbstkritische Subjekte produziert – aber nur, solange sie keine Machtfragen stellen.

Die eigentliche Pointe: Kalmring fordert eine Kritik, die wieder mit Lust verbunden ist – mit ästhetischem, affektivem, rebellischem Ăśberschuss. Das ist nicht bloĂź ein Aufruf zur Revolte, sondern eine politische Ethik des Nicht-Einverstandenseins.

Aus kritisch-offen marxistischer Perspektive ist â€žDie Lust zur Kritik“ von Stefan Kalmring ein äuĂźerst wertvoller, theoriekritischer Beitrag – aber eben auch nicht ohne Schwächen und Leerstellen, die wir im Sinne dialektischer Kritik ernst nehmen und produktiv machen sollten.


Von der Lust zur Kritik zur Lust weiter zu denken

⚖️ 1. Subjektzentrierung statt Klassenanalyse

Kalmrings emanzipatorischer Fokus auf das kritische Subjekt (gegen Objektivismus, Orthodoxie, Autoritarismus) ist notwendig und politisch fortschrittlich. Doch dabei gerät das Klassenverhältnis als strukturelle Achse gesellschaftlicher Konflikte in den Hintergrund. Zwar wird „kapitalistische Vergesellschaftung“ immer wieder benannt – aber selten in ihren realen ökonomischen Formen konkretisiert:

  • Klassenverhältnisse erscheinen diffus, ihre materielle Grundlage (Akkumulation, Ausbeutung, Eigentum, Mehrwert) bleibt theoretisch unterbelichtet.
  • Arbeiter:innen, prekäre Klassen, reproduktive Arbeit, Migrationsverhältnisse â€“ all das bleibt Randthema.
  • Damit besteht die Gefahr, dass Kritik in ein individualisiertes oder diskurstheoretisch verflĂĽssigtes Subjektverständnis kippt – trotz gegenteiliger Intention.

👉 Kritik & Praxis-Perspektive: Kritik muss nicht nur subjektiv-emanzipatorisch, sondern konkret klassenanalytisch verankert sein, sonst droht sie, sich im kulturellen Ăśberbau zu verlieren.


🏛️ 2. Staatskritik ohne materialistische Staatsanalyse

Kalmring kritisiert den „Staatsfetischismus“ der Traditionslinken zu Recht – aber er ersetzt ihn nicht durch eine systematisch-materialistische Analyse des Staates im Kapitalismus. Es bleibt bei einem theoretischen Plädoyer fĂĽr eine vorsichtige, offene Organisationsform – ohne die Funktion des bĂĽrgerlichen Staates als Reproduktionsagentur kapitalistischer Klassenherrschaft analytisch zu fassen.

  • Der Staat als verdinglichte Form der Klassenherrschaft (Poulantzas, Hirsch, Holloway) bleibt auĂźen vor.
  • Es fehlt ein Blick auf reale Staatsapparate, Gewaltmonopol, BĂĽrokratie, Ăśberwachung, Polizei, Recht, Repression.
  • Auch internationale Staatensysteme, Imperialismus, EU, globale Arbeitsteilung spielen keine Rolle.

👉 Kritik & Praxis-Perspektive: Eine offene Marxismusanalyse muss auch den Staat als Verhältnis denken – nicht nur als Form, sondern als materiell-dialektische Struktur kapitalistischer Herrschaft.


📉 3. Abstrakte Kritik ohne strategischen Horizont

Kalmring brilliert in der Kritik der Kritik â€“ aber:

Was folgt daraus strategisch?

  • Es bleibt unklar, welche gesellschaftlichen Kräfte Kritik kollektiv voranbringen könnten. Wer ist das revolutionäre Subjekt? Wo entstehen Gegenmächte?
  • Weder konkrete Bewegungen noch historische oder gegenwärtige Kämpfe (z. B. Arbeitskämpfe, feministische Streiks, Mietbewegungen, antirassistische BĂĽndnisse, Klimabewegung wĂĽrde man heute nennen) werden analysiert.
  • Damit bleibt der Text theoretisch fundiert, aber strategisch diffus â€“ eine „negative Theologie der Kritik“ ohne konkrete Orientierung auf Handlungsfähigkeit.

👉 Kritik & Praxis-Perspektive: Kritik muss sich auf Praxis beziehen – d. h. auf reale Kämpfe, auf konkrete Knotenpunkte, auf Strategien gegen Herrschaft. Ohne das droht sie zum affirmativen Ritual zu verkommen.


🔄 4. Zuwenig Materialismus, zuviel Theoriekreis

Kalmring setzt sich mit Theoretiker:innen wie Adorno, Butler, Benjamin, Castoriadis, Boltanski, Foucault, Gramsci auseinander – doch die Gefahr eines selbstreferenziellen Theoriekanons bleibt:

  • Ă–konomiekritik, ökologische Krisen, digitale Kapitalverwertung, finanzielle Repression, globale Produktionsketten, Care-Arbeit wären Beispiele aus dem Jahr 2025 â€“ all das fehlt. Eine umfassende Analyse und eine kritische Theorie der Geschichte und Gegenwart der Arbeiter:innenbewegung und der Linken mĂĽsste das leisten,
  • Damit wird das Buch zu einem hochreflektierten Diskurs ĂĽber Kritik, aber nicht zu einer Analyse des globalen Kapitalismus.
  • Es spricht mehr die akademische Linke als die kämpfende Klasse an. Auch hier gilt, seine Doktorarbeit sollte kein. neues Kommunistisches Manifest werden. Doch die sehr akademisch geprägte Linke sollte das klar im Blick behalten, fĂĽr wen und fĂĽr was sie ihre Kritik formuliert.

👉 Kritik & Praxis-Perspektive: Der Marxismus braucht die Verbindung von gesellschaftstheoretischer Reflexion und konkreter historisch-materieller Analyse. Theorie muss Klassenverhältnisse durchdringen – sonst wird sie bloĂź ästhetische Kritik.


🗺️ 5. Europa- und kulturzentristische Begrenzung

Kalmring schreibt aus einem dezidiert westeuropäischen, linksakademischen Kontext – das ist legitim, aber:

  • Koloniale Geschichte, postkoloniale Kritik, globale Kämpfe des SĂĽdens, indigene Widerstände, diasporische Perspektiven fehlen.
  • Auch rassistische Staatsapparate, migrationspolitische Repression und globale Arbeitsteilung bleiben unterbelichtet.
  • Damit fehlt dem Buch eine globalistische, antiimperialistische Perspektive auf Kritik.

👉 Kritik & Praxis-Perspektive: Eine offene Kritik muss auch nicht-westliche Kritiktraditionen einbeziehen â€“ von Fanon ĂĽber Spivak bis hin zu realen antikolonialen Kämpfen.


🧩 Fazit: Kritik der Kritik der Kritik – aber wohin?

Kalmrings Buch ist ein theoretisch scharfer, intellektuell redlicher und emanzipatorisch inspirierter Beitrag zur Wiederbelebung der Gesellschaftskritik. Aber er bleibt fragmentarischstrategisch unklarökonomisch unterkomplex und politisch abstrakt â€“ gerade dort, wo eine neue politische Theorie der Veränderung gefragt wäre.

Was fehlt:

  • eine materialistische Klassenanalyse
  • eine konkretisierte Staatskritik
  • eine strategische Verortung in realen Kämpfen
  • eine Internationalisierung und Dekolonialisierung der Kritik
  • ein Theorie-Praxis-Modell, das ĂĽber Selbstreflexion hinausgeht

Was bleibt:

Ein starkes Fundament für ein emanzipatorisches Projekt – aber noch kein Bauplan.


Ein Anfang der Kritik – aber noch nicht ihre Revolutionierung.

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