Warum ich Internationalist bin – und was das im Jahr 2026 bedeutet

Warum ich Internationalist bin – und was das im Jahr 2026 bedeutet

Internationalismus ist kein Ideal.

Er ist eine Schlussfolgerung.

Wer Kapitalismus ernsthaft analysiert, stößt früher oder später auf den Weltmarkt. Marx formuliert es in den Grundrissen nüchtern: Die Tendenz, den Weltmarkt zu schaffen, liegt im Begriff des Kapitals selbst. Kapital überschreitet Grenzen nicht aus Neugier, sondern aus Zwang. Akkumulation braucht Expansion. Expansion braucht neue Märkte, neue Arbeitskräfte, neue Rohstoffe.

Das war im 19. Jahrhundert so.

Und 2026 ist es radikaler als je zuvor.

Lieferketten verbinden Kontinente. Finanzmärkte reagieren in Sekunden. Plattformunternehmen organisieren globale Konkurrenz in Echtzeit. Migration ist kein Zufall, sondern Ausdruck ungleicher Entwicklung. Wer heute noch so tut, als ließen sich soziale Konflikte national lösen, verwechselt politische Form mit ökonomischer Struktur.

Ich bin Internationalist, weil Kapital kein nationales Projekt ist.

Kapitalismus denkt global – Politik spricht national

Der Nationalstaat ist keine Illusion. Er ist reale Macht. Er garantiert Eigentum, reguliert Arbeit, organisiert Gewalt. Aber er ist nicht souverän im emphatischen Sinn. Er bewegt sich innerhalb globaler Konkurrenz.

Nationalismus erfüllt hier eine Funktion. Er übersetzt strukturelle Abhängigkeit in kollektive Identität. Aus Klassenverhältnissen werden Standortfragen. Aus globaler Konkurrenz wird „unser nationales Interesse“.

Gramsci hätte gesagt: Das ist Hegemonie. Herrschaft erscheint als Allgemeininteresse.

Und so entsteht der Eindruck, als säßen Kapital und Arbeit im selben Boot – solange nur die „anderen“ draußen bleiben.

Internationalismus verweigert diese Erzählung.

Er sagt: Die entscheidende Trennlinie verläuft nicht zwischen Nationen, sondern zwischen denen, die über Produktionsmittel verfügen, und denen, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. Zwischen Zentrum und Peripherie. Zwischen Kapital und Lohnabhängigen – weltweit vermittelt.

Imperialismus ist Struktur, nicht Moral

Lenin analysierte 1916 den Imperialismus als notwendige Entwicklungsform des Monopolkapitalismus. Nicht als moralische Entgleisung, sondern als Systemlogik. Finanzkapital, Kapitalexport, geopolitische Sicherung von Märkten – das alles war für ihn Ausdruck eines Stadiums, nicht politischer Bosheit.

2026 erleben wir diese Dynamik offen: Blockbildung, Rohstoffpolitik, Aufrüstung, Schuldenabhängigkeit. Staaten konkurrieren um Einflusszonen. Unternehmen sichern sich Lieferketten militärisch ab. Die Sprache ist moderner, die Logik dieselbe.

Internationalismus bedeutet daher auch: Kritik am eigenen Staat, wenn er imperial agiert. Nicht nur Empörung über den fremden.

Rosa Luxemburg sah früh, wohin diese Logik führt. „Sozialismus oder Barbarei“ war keine Dramatisierung, sondern Analyse. Militarisierte Konkurrenz ist kein Ausnahmezustand. Sie ist ein mögliches Resultat kapitalistischer Expansion.

Wer 2026 nationale Geschlossenheit predigt, während global aufgerüstet wird, stabilisiert diese Dynamik.

Ungleiche Entwicklung ist kein Fehler, sondern Prinzip

Trotzki beschrieb die „ungleiche und kombinierte Entwicklung“ als Grundmerkmal des Kapitalismus. Moderne Industrie neben agrarischer Armut. Hightech neben informeller Ökonomie. Fortschritt und Rückständigkeit im selben Raum.

Heute sehen wir: Silicon Valley und Slums, digitale Plattformarbeit und Subsistenzwirtschaft, globale Finanzströme und Schuldenregime. Entwicklung ist nicht gleichmäßig, aber sie ist verbunden.

Nationalismus erklärt diese Spannungen kulturell.

Internationalismus analysiert sie strukturell.

Wenn Arbeiter:innen in Europa unter Lohndruck stehen, ist das mit Produktionsverlagerung und globaler Konkurrenz verknüpft. Wenn im globalen Süden Schuldenkrisen explodieren, hängt das mit Finanzarchitektur und Kapitalbewegungen zusammen.

Die Konflikte sind national erfahrbar – aber global verursacht.

Gegen falschen Internationalismus

Internationalismus ist kein Lagerdenken.

2026 ist es verführerisch, geopolitische Konkurrenz als moralischen Zweikampf zu deuten. West gegen Ost. Liberal gegen autoritär. Oder umgekehrt: multipolare Hoffnung gegen westliche Hegemonie.

Beides verkürzt.

Autoritäre Staaten sind keine emanzipatorische Alternative, nur weil sie dem Westen widersprechen. Kapitalistische Konkurrenz verschwindet nicht durch andere Flaggen.

Marx schrieb im Manifest, die Arbeiter hätten kein Vaterland. Das heißt nicht, dass sie geschichtslos sind. Es heißt: Ihre Stellung im Produktionsprozess ist international vermittelt.

Internationalismus identifiziert sich nicht mit Staaten. Er identifiziert sich mit denjenigen, die unter ihrer Konkurrenz leiden.

Warum Nationalismus wieder funktioniert

Der neue National-Populismus fällt nicht vom Himmel. Deindustrialisierung, Prekarisierung, Abstiegsangst sind real. Aber Nationalismus beantwortet diese Krisen falsch.

Er personalisiert strukturelle Probleme.

Er verschiebt Konflikte nach unten.

Er macht Migration zur Ursache, nicht zur Folge.

Internationalismus ist hier keine moralische Predigt, sondern analytische Klarheit.

Dein Gegner ist nicht der Geflüchtete.

Nicht die Arbeiterin im globalen Süden.

Nicht der „Fremde“.

Dein Gegner ist ein System, das Konkurrenz organisiert und Solidarität zersetzt.

Warum ich 2026 Internationalist bin

Weil Kapital global operiert.

Weil Imperialismus strukturell ist.

Weil Entwicklung ungleich, aber vermittelt ist.

Weil Nationalismus Klassenherrschaft ideologisch stabilisiert.

Internationalismus ist unbequem. Er zwingt zur Kritik am eigenen Staat. Er verhindert einfache Identitäten. Er verlangt, globale Verflechtungen mitzudenken, auch wenn sie den eigenen Standort relativieren.

Aber er ist theoretisch konsistent.

Marx’ Aufruf „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ war keine Sentimentalität. Er war die logische Konsequenz aus einer Analyse des Kapitals als Weltverhältnis.

Im Jahr 2026 gilt das schärfer denn je.

Wer heute nationale Lösungen verspricht, ohne die globale Struktur anzugreifen, stabilisiert das Problem, das er zu lösen vorgibt.

Internationalismus ist kein Ideal.

Er ist Notwendigkeit.

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