Wenn das Kapital Ja sagt – Bezos’ Venedig-Hochzeit als Systemversprechen

Von Sascha Schlenzig
Die Stadt verstummt
Wenn der reichste Mann der Welt Ja sagt, schweigt eine Stadt. Nicht aus Liebe. Aus Macht. Venedig steht still – nicht wegen eines Streiks, nicht wegen Hochwassers, sondern weil Jeff Bezos heiratet.
Bald werden 95 Privatjets landen, ein Luxushotel geräumt, Gassen abgesperrt. Für ein Wochenende gehört Venedig nicht mehr sich selbst – sondern dem Kapital.
Raum wird Besitz
Was einst Platz für viele war, wird Besitz der Wenigen. Venedig, Symbol republikanischer Öffentlichkeit, wird zur Bühne einer Elite, die keine Rechenschaft mehr ablegt, sondern Zonen absteckt. Der Raum wird nicht mehr geteilt, er wird produziert, gekauft, abgeschirmt.
Die Stadt ist Kulisse. Die Polizei: Logistik. Die Öffentlichkeit: ein Hindernis.
Das Spektakel ersetzt das Politische
Die Hochzeit ist kein Fest. Sie ist ein Skript.
Sie inszeniert Reichtum, der sich nicht mehr legitimieren will – sondern nur noch bestaunen lässt.
Das Spektakel blendet. Es ersetzt Kritik durch Konsum. Reibung durch Resonanz. Wer so heiratet, braucht keine Demokratie – er hat Sichtbarkeit. Wer mit 95 Jets kommt, fragt nicht mehr um Erlaubnis. Er inszeniert den Ausnahmezustand als Normalfall.
Der Ablass
Nach der Party folgt die Geste. Eine Million Euro für ein Schutzkonsortium, als „Dank“ an die Stadt.
Aber niemand, der sich ganze Städte nehmen kann, sollte sich freikaufen dürfen. Eine Spende ersetzt keine Gerechtigkeit.
Was hier als Großzügigkeit verkauft wird, ist in Wahrheit die Kunst der moralischen Tarnung. Erst wird enteignet – dann wird gespendet. Und alle sollen klatschen.
Die Steuerfrage
Während Kameras das Ja-Wort einfangen, bleibt das Entscheidende unsichtbar: die Steuerfrage.
Amazon meldete in Europa Milliardenumsätze – ohne Gewinn. Ohne Körperschaftsteuer. Möglich durch ein Netz aus Tochterfirmen, Lizenzverträgen und Buchungstricks. Die Öffentlichkeit zahlt, was der Reichtum auslagert.
Steuervermeidung ist nicht „legal, aber unfair“ – sie ist Klassenkampf. Von oben. Und sie wirkt nicht durch Gewalt, sondern durch Gesetz.
Das Banner
Auf dem Markusplatz liegt ein Protestbanner.
Darauf steht:
„If you can rent Venice for your wedding – you can pay more tax.“
Darunter: das Gesicht eines lachenden Bezos.
Ein Bild wie eine Bilanz. Die Reichen feiern – und wir stehen draußen. Staunend. Scrollend. Sprachlos.
Was bleibt
Diese Hochzeit ist kein Einzelfall. Sie ist eine Vorschau. Auf Städte als Prestigeprojekte. Auf Öffentlichkeit als Option. Auf Reichtum als Realität ohne Gegenmacht.
Wenn das Kapital Ja sagt, bleibt der Rest draußen. Ungebeten. Ungesehen. Unbestechlich.
(c) Kritik & Praxis – Verstehen. Hinterfragen. Verändern.
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