Wir haben keine Angst – wir sind die Generation, die aufwacht Die Gen Z, der Kapitalismus und die weltweiten Aufstände
In den Straßen von Kathmandu, Rabat, Lima und Nairobi lodern dieselben Feuer. Regierungsgebäude brennen, Präsidenten treten ab, und an den Frontlinien stehen nicht Parteien oder Gewerkschaften, sondern Jugendliche, geboren nach 1997 – die sogenannte Generation Z.
Sie nennen sich nicht Revolutionäre, aber ihre Wut hat Struktur. Sie ist die soziale Antwort einer neuen Klassenformation: vernetzt, gebildet, prekarisiert. Die Gen Z ist das Kind der Digitalisierung – und zugleich ihre dialektische Negation.
Von Asien bis Lateinamerika rebelliert eine Generation, die den Kapitalismus von innen versteht, weil sie in ihm aufgewachsen ist.
Was 2011 als Arabischer Frühling begann, kehrt 2025 als digitale Internationale zurück – nicht mit Parolen, sondern mit Symbolen, Memes und geteilten Affekten.
Der lange Zyklus der Revolutionen
Der libanesisch-französische Marxist Gilbert Achcar sieht in den arabischen Aufständen seit 2011 den Beginn eines „langfristigen revolutionären Prozesses“. Diese Wellen – 2011, 2018–2019, 2025 – sind keine isolierten Eruptionen, sondern Momente einer anhaltenden Strukturkrise.
Ihre Ursache: die neoliberale Demontage der postkolonialen Entwicklungsökonomien, die seit den 1980er-Jahren Armut, Jugendarbeitslosigkeit und politische Ohnmacht reproduziert. In Marokko, Ägypten, Sudan oder Tunesien ist die soziale Lage dieselbe: Bildung ohne Arbeit, Modernisierung ohne Zukunft.
Die Revolte von 2025 ist also kein Neuanfang, sondern ein Kapitel im fortgesetzten Drama des globalen Südens – diesmal beschleunigt durch digitale Medien, deren Netzwerke Proteste synchronisieren wie ein globales Echo.
Die materielle Basis – Jugend als Klassenlage
Marx schrieb, jede Gesellschaft schaffe die Menschen, die sie braucht. Der heutige Kapitalismus hat eine Jugend geschaffen, die er nicht mehr gebrauchen kann:
- In Marokko sind 36 % der 15- bis 24-Jährigen arbeitslos, in Städten fast 47 %.
- In Nepal 20 %, in Indonesien 14 %, in Peru über 40 %.
- In Kenia rund 30 %, in Madagaskar lebt die Hälfte der Bevölkerung unter zwei Dollar am Tag.
Diese Zahlen beschreiben eine globale Klasse: gebildet, vernetzt, entrechtet. Was früher die Fabrik war, ist heute der Bildschirm – die Produktionsmittel heißen Software, Daten, Aufmerksamkeit. Die Gen Z ist zugleich Rohstoff und Betreiberin dieser digitalen Ökonomie.
Mark Fisher nannte das „kapitalistischen Realismus“: das Bewusstsein, dass es keine Alternative gibt – und die Intuition, dass genau das nicht stimmt. Aus dieser Spannung entsteht ihr Widerspruch: Sie ist Produkt und Gegnerin des Systems zugleich.
Symbole der Revolte – Von der roten Fahne zum Strohhut
In Nepal wehte beim Sturm auf das Parlamentsgebäude eine Piratenflagge – Totenkopf mit Strohhut. Sie stammt aus dem japanischen Anime One Piece, einer Serie über Rebellen, die gegen ein korruptes Imperium kämpfen. Der Held Luffy wurde zum globalen Symbol einer Generation, die die Herrschaft nicht mehr ernst nimmt.
„The pirate flag – it’s like a common language now,“ sagt die nepalesische Aktivistin Rakshya Bam.
Popkultur ersetzt Ideologie. Memes werden zu Manifeste. Was Jodi Dean den „kommunikativen Kapitalismus“ nennt – das endlose Zirkulieren von Zeichen – kippt um in produktive Kraft:
Kommunikation selbst wird zur Organisierung. Die One Piece-Flagge ist das neue rote Banner: verspielt, global, gefährlich.
Marokko – Der Vulkan spricht
Am 27. September 2025 beginnt die Bewegung Gen Z 212. Vier Jugendliche eröffnen einen Discord-Server – zwei Wochen später: über 250 000 Mitglieder. Digitale Abstimmungen entscheiden über Demonstrationen, Solidaritätsaktionen, Versorgung für Verhaftete.
„Wir sind keine Bewegung. Wir sind ein Update.“
Dieser Satz ist Programm: ein Bewusstsein der historischen Kontinuität – und des Bruchs. Die Jugend rebelliert nicht gegen Ordnung, sondern gegen Stillstand.
Achcar nennt Marokko das „Epizentrum eines regionalen Vulkans“. Doch er warnt: Ohne organisierte Kraft wird der Vulkan nur glühende Asche hinterlassen. Gramsci hätte gesagt: Die Spontaneität muss zur organischen Bewegung werden – sonst bleibt sie Wind.
Die Peripherien des Aufstands
In Madagaskar forderten Jugendliche Wasser, Strom, Zukunft – die Regierung fiel. In Indonesien führte der Tod eines 21-jährigen Lieferfahrers zur Massenmobilisierung. In Kenia formierte sich unter #OccupyTax ein Protest gegen Steuern, Polizeigewalt und Korruption. In Paraguay und Timor-Leste demonstrierten Studierende gegen Privilegien der Eliten.
Überall dieselbe Form: horizontal, affektiv, digital. Protest ohne Anführer, aber mit kollektiver Intelligenz. Die Bewegung spiegelt die Produktionsweise des Plattformkapitalismus – flexibel, vernetzt, flüchtig – und kehrt ihre Logik gegen ihn.
Lateinamerika – Peru und das Erbe der Enttäuschung
In Peru gingen im Oktober 2025 zehntausende Jugendliche auf die Straße. Sie protestierten gegen Korruption, Kriminalität, die Macht der Drogenkartelle. Auf Transparenten stand:
„No tenemos miedo – somos la generación que despierta.“ (Wir haben keine Angst – wir sind die Generation, die aufwacht)
Sie nennen sich nicht Linke, sondern Generation Despertar – Erwachen. Wie in Marokko und Nepal ist das digitale Moment zentral: TikTok, Instagram, Discord ersetzen Parteien und Gewerkschaften. Ein Netzwerk aus Empörung, Humor und Analyse.
Die Energie droht immer wieder zu verpuffen, weil sie keine politische Struktur findet.
Von Gaza bis New York – Die neue moralische Internationale
Die weltweiten Free-Palestine-Proteste seit 2023 werden vor allem von jungen Menschen getragen. Universitäten in den USA, London, Berlin, Jakarta – überall dieselben Zelte, dieselben Gesänge. TikTok und Instagram verbinden Millionen in Echtzeit.
Hier artikuliert sich eine globale Empathieklasse: eine Jugend, die koloniale Gewalt, Klimakrise und ökonomische Ungerechtigkeit als Teil desselben Systems begreift. Ihre Moral ist politisch.
Sie schafft einen neuen Internationalismus, dessen Vorhut die Gen Z ist und das Potential in sich birgt andere Sektoren der Weltbevölkerung und der Arbeiterklasse in Bewegung von unten zu bringen.
Vom Arabischen Frühling zum digitalen Herbst – Der lange Zyklus der Revolutionen
Die Revolte der Gen Z ist kein meteorologischer Zufall, kein Aufblitzen am Horizont der Geschichte. Sie ist die dritte Welle eines langen revolutionären Prozesses, der 2011 mit dem Arabischen Frühling begann.
Der libanesisch-französische Theoretiker Gilbert Achcar hat gezeigt, dass die Aufstände von Tunis bis Kairo, von Beirut bis Khartum keine isolierten Eruptionen waren, sondern die symptomatische Wiederkehr eines ungelösten Widerspruchs: Zwischen einer neoliberalen Modernisierung, die Reichtum verspricht, und einem Staatsapparat, der diese Versprechen durch Gewalt sichert.
Der Kapitalismus versprach Entwicklung – und zerstörte die Entwicklungsstaaten. Er privatisierte Bildung, flexibilisierte Arbeit, kürzte Subventionen, ließ Millionen von Jugendlichen ausgebildet, aber nutzlos zurück. So entstand eine Generation, die Achcar die „verlorenen Kinder des Neoliberalismus“ nennt – zu klug, um die Lüge zu glauben, zu ohnmächtig, um sie allein zu stürzen.
Die Revolution von 2011 endete in Repression und Bürgerkrieg; die zweite Welle 2018 – 2019 in Sudan, Algerien, Libanon und Irak wurde durch Pandemie und Militär niedergeschlagen.
Doch der soziale Vulkan blieb aktiv. Seine Magma ist die Arbeitslosigkeit, Armut und Prekarität, seine Lava die Würde.
Marokko 2025 ist kein Nachbeben, sondern das erneute Aufbrechen derselben tektonischen Spannung: Ein System, das nicht reformiert werden kann, ohne sich selbst aufzuheben.
Gramsci nannte solche Perioden Interregna – Zeiten, in denen „die alte Welt stirbt, die neue aber noch nicht geboren ist“. Die Gen Z lebt genau in diesem Interregnum: Sie spürt das Sterben der alten Ordnung, aber sie hat die Sprache der neuen noch nicht gefunden.
Ihre Revolten sind Eruptionen des Bewusstseins ohne politische Form.
Hier berührt sich Achcars Diagnose mit Luxemburgs Idee der „organischen Aktion“ – jenem historischen Moment, in dem spontane Bewegungen Struktur finden und Masse zu Klasse wird. Noch ist die Gen Z am Punkt der Spontaneität. Aber in ihrer Fähigkeit, sich digital zu vernetzen, liegt bereits der Keim einer neuen Organisationsform: eine Rätedemokratie im Zeitalter der Plattformen, in der Discord-Abstimmungen und lokale Kollektive eine embryonale Form demokratischer, proletarischer,Selbstverwaltung darstellen.
Nancy Fraser würde sagen: Diese Generation kämpft an zwei Fronten zugleich – gegen den neoliberalen Kapitalismus und gegen seine patriarchale Matrix. Denn die Krise der Produktion ist zugleich eine Krise der Reproduktion: Frauen, die 47 % der jungen Arbeitslosen in Marokkos Städten ausmachen, tragen doppelt – als unbezahlte Care-Arbeiterinnen und als prekäre Subjekte einer Ökonomie, die sie entwertet. So wird die Gen Z auch zur feministischen Avantgarde der sozialen Frage.
Der Zyklus der arabischen Revolutionen hat sich digitalisiert, aber nicht beendet. Sein Terrain hat sich erweitert – von Tunis bis Kathmandu, von Beirut bis Lima. Der Arabische Frühling war die Geburt der Hoffnung; der Aufstand der Gen Z ist ihre Reifeprüfung. Und vielleicht, schreibt Achcar, wird es noch eine vierte Welle geben – eine, die nicht mehr nur stürzt, sondern neu gründet.
Grenzen und Aufgaben
Achcar mahnt: Solange keine radikale politische Alternative entsteht, wird der Vulkan weiter ausbrechen – ohne Richtung.
Die Aufgabe emanzipatorischer Theorie ist heute, diese Energie zu organisieren, ohne sie zu ersticken. Gramscis „organische Partei“ wäre im 21. Jahrhundert ein Netzwerk, kein Zentralkomitee – eine infrastrukturierte Spontaneität.
Nancy Fraser nennt das die „anti-systemische Koalition“: eine Verbindung von Arbeits-, Care-, Klima- und Freiheitskämpfen.
Die Gen Z hat sie bereits erfunden – nur noch nicht institutionalisiert.
Ausblick – Die Generation des Übergangs
Die Gen Z ist die erste Generation, die den Kapitalismus nicht mehr als Fortschritt, sondern als Überlebensbedingung erlebt. Ihr Internationalismus ist affektiv, nicht programmatisch. Ihre Solidarität entsteht aus geteilter Verwundbarkeit.
Der Server ist ihre Fabrikhalle.
Der Feed ihr Fließband.
Die Wut ihr Klassenbewusstsein.
Sie weiß: Zukunft ist keine Kategorie der Hoffnung mehr, sondern des Widerstands.
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Quellen & Theoretische Bezüge
The New York Times (Pranav Baskar & Katrin Bennhold, 2025): The Activists and the Anime
Gilbert Achcar (2025): Morocco’s Gen Z and the Regional Volcano
Link:
The Guardian (2025): We’ll march as many times as necessary – Peru
TIME, Reuters, France 24, DW, The Soufan Center, Tricontinental
Nancy Fraser, Jodi Dean, Nick Srnicek, Mark Fisher, Rosa Luxemburg, Antonio Gramsci, Byung-Chul Han
