Zum 125.Todestag - Nietzsche und der Marxismus – Vom Tod Gottes zum Fetisch des Kapitals

Es gibt Sätze, die wie Sprengsätze durch die Geschichte hallen. „Gott ist tot. Und wir haben ihn getötet.“ Mit diesem Ruf lässt Nietzsche den „tollen Menschen“ auf den Marktplatz treten. Es ist keine theologische Behauptung, sondern eine Diagnose: Die metaphysische Ordnung des Abendlands liegt am Boden. Wissenschaft, Aufklärung, Kapitalismus haben die alten Fundamente erodiert. Zurück bleibt ein Vakuum: Orientierungslosigkeit, Sinnkrise, Nihilismus.

Nietzsche war Seismograph dieser Krise. Aber sein Programm – die „Umwertung aller Werte“ – blieb aristokratisch. An die Stelle universeller Moral setzte er den Willen zur Macht. An die Stelle kollektiver Emanzipation den Übermenschen. An die Stelle einer historischen Perspektive die ewige Wiederkehr. Befreiung bedeutete für ihn nicht Gleichheit, sondern Überlegenheit; nicht Praxis der Vielen, sondern Ästhetik der Wenigen.

Prophet des Nihilismus

Nietzsche erkannte, dass Religion nicht mehr trägt. Er entlarvte die christliche Moral als Waffe der Schwachen, die den Starken Schuld einredet. Er misstraute dem Fortschrittsglauben der bürgerlichen Gesellschaft und sah die Leere hinter ihren Idealen. Wahrheit, so Nietzsche, ist kein objektives Maß, sondern ein Spiel der Kräfte, ein Kampf der Perspektiven.

Damit traf er einen Nerv seiner Zeit. Ende des 19. Jahrhunderts waren die bürgerlichen Revolutionen gescheitert, der Kapitalismus trat in seine imperiale Phase ein. Die Aufklärung hatte Gott zerstört, aber keine neue Ordnung geschaffen. Aus marxistischer Sicht ist Nietzsches Diagnose des Nihilismus Ausdruck dieser Krise: die Verunsicherung einer Epoche, die ihre Gewissheiten verloren hat. Nietzsche selbst deutete den Nihilismus eher kulturell-metaphysisch – Marxist:innen lesen darin ein Symptom der Klassengesellschaft.

Marx gegen Nietzsche

Hier beginnt der fundamentale Gegensatz. Für Marx ist Wahrheit historisch-materialistisch rekonstruierbar; für Nietzsche ist sie nur Perspektive. Für Marx ist Befreiung kollektive Praxis der Klasse; für Nietzsche ist sie ästhetische Selbststeigerung des Einzelnen. Für Marx ist die Sinnkrise Resultat von Entfremdung und Kapitalherrschaft; für Nietzsche ist sie ein metaphysisches Schicksal.

Beide brechen mit Religion, beide entlarven Moral. Doch während Marx die Herrschaft der Götter als Ideologie der Klassen begreift, setzt Nietzsche an die Stelle Gottes neue Ideale: Übermensch, Wille zur Macht, ewige Wiederkehr. Nietzsche selbst verstand diese Begriffe als Gegenentwürfe zur Leere, Marxist:innen deuten sie als neue Idole. Wo Marx an die Stelle Gottes das solidarische Handeln setzt, ruft Nietzsche nach neuen Herren.

Die doppelte Wirkung

Nietzsche ist deshalb für Marxist:innen und Linke ein doppelter Denker. Er ist gefährlich, weil seine Philosophie antiegalitär ist, weil sie Hierarchie verherrlicht, weil sie blind für Ökonomie bleibt. Sein Denken war anschlussfähig für Eliten und Faschisten. Lukács nannte ihn den „Ahnherrn des Irrationalismus“. Andere, wie Foucault oder Deleuze, lasen ihn anders – aber aus marxistischer Sicht bleibt die reaktionäre Linie zentral.

Aber er ist auch faszinierend, weil er das Problem sieht, das viele Marxist:innen übersehen: Kapitalismus zerstört nicht nur Arbeit, er zerstört auch Sinn. Er frisst nicht nur Ressourcen, sondern auch Orientierung. Nietzsche hörte die Stille nach dem Tod Gottes, bevor die Massen sie wahrnahmen. Darin liegt seine Schärfe – und darin auch der Grund, warum er nicht einfach zu verwerfen ist.

Lehren für die Philosophie der Praxis

Marxismus kann von Nietzsche lernen – ohne ihm zu verfallen.

Erstens: Die Sinnkrise ernst nehmen. Kapitalismus ist nicht nur Ausbeutung, er ist auch Entwertung. Wer von Befreiung spricht, muss auch von Orientierung sprechen.

Zweitens: Moral als Ideologie begreifen. Nietzsche zeigt, dass Werte nicht neutral sind, sondern Ausdruck von Macht. Marxistische Ideologiekritik kann hier anknüpfen.

Drittens: Subjektivität einbeziehen. Nietzsche stellt Körper, Trieb, Affekt ins Zentrum. Eine marxistische Praxis, die das nicht aufnimmt, bleibt blutleer. Bloch, Marcuse, feministische Theorie haben diesen Faden weitergesponnen.

Viertens: Grenzen des Individualismus markieren. Nietzsche bleibt im Elitären stecken. Marxismus muss zeigen, dass Befreiung nur kollektiv gelingt.

Aktualität 2025

Nietzsche spricht zu uns, weil seine Diagnose des Nihilismus in unserer Gegenwart wiederkehrt:

- In der digitalen Sinnleere suchen Menschen Halt und Ablenkung bei Influencern, Konsum, Esoterik und Pornographie.

- Im rechten Nihilismus von AfD, Trumpismus oder Neofaschisten kehrt die Verachtung von Gleichheit und Vernunft zurück.

- Der Konsumfetisch ersetzt Religion: Märkte, Marken und Algorithmen nehmen die Stelle Gottes ein.

Nietzsche sah die Verwesung der alten Götter, aber nicht den Aufstieg der neuen: das Kapital als „automatisches Subjekt“. Marx zeigt, dass der wahre Gott der Moderne nicht gestorben ist, sondern in anderer Gestalt weiterlebt.

Fazit

Nietzsche bleibt ein paradoxes Erbe: gefährlich und produktiv zugleich. Er verschärft die Krise, aber er benennt sie mit seltener Schärfe. Für Marxist:innen heißt das: seine Fragen aufnehmen, seine Antworten verwerfen.

Die wahre „Umwertung der Werte“ gelingt nicht durch den einsamen Übermenschen. Sie gelingt nur durch das kollektive Subjekt der Geschichte – durch Kämpfe, Organisation, solidarische Praxis, durch eine neue Gesellschaft

Nicht Ästhetik der Wenigen, sondern Befreiung der Vielen.

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