Zusammenfassung: Die Lust zur Kritik von Stefan Kalmring
Ein Plädoyer für soziale Emanzipation
📘 Kapitel 1: Auf dem Prüfstand – Gesellschaftskritik am Anfang des 21. Jahrhunderts
🔎 Inhaltliche Zusammenfassung
Kalmring eröffnet das Buch mit einer Reflexion über die Wiederkehr der Gesellschaftskritik – ausgelöst u.a. durch die Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2008. Er stellt jedoch infrage, ob diese neue Kritik tatsächlich substanziell, transformativ oder gar revolutionär sei. Vielmehr diagnostiziert er eine oberflächliche Konjunktur des Kritischen, das in Talkshows, Wissenschaft und Feuilleton zwar laut wird, aber die bestehenden Verhältnisse nicht ernsthaft infrage stellt.
Er unterscheidet zwischen:
- Kritik als Rhetorik (moralisch, journalistisch, karrieretauglich)
- und Kritik als Praxis sozialer Emanzipation (transformativ, historisch-materialistisch, gefährlich)
Kalmring wendet sich gegen einen entleerten „Kritikbegriff“, wie er im Neoliberalismus gedeiht: Kritik als Feedback, als Management-Technik, als Teil der Selbstverantwortung und Selbstoptimierung des Subjekts.
🧠 Theoretische Bezüge
- Karl Marx: Kritik der politischen Ökonomie als revolutionäre Praxis.
- Max Horkheimer: Der Begriff der „Kritischen Theorie“.
- Pierre Bourdieu: Analyse des akademischen Feldes als Ort symbolischer Herrschaft.
- Michael Krätke: Über die Krisen der (Neo-)Marxismen.
- Bezug auf Frankfurt-Schule, aber auch auf poststrukturalistische Diskurse, die Kalmring als unzureichend politisch einordnet.
🧩 Argumentative Struktur
- Gesellschaftskritik ist nicht gleich Gesellschaftskritik: Es gibt ideologiekonforme, systemstabilisierende Formen von Kritik.
- Kritik im Kapitalismus wird oft selbst zur Ware oder zur Karriereleiter.
- Die Herausforderung besteht darin, Kritik wieder als kollektive, handlungsleitende Praxis zu verstehen.
🧨 Widerspruchsdiagnose
Kalmring zeigt, wie die neoliberale Ideologie Kritik absorbiert hat. Der Widerspruch liegt darin, dass Kritik öffentlich erlaubt – ja sogar gewünscht – ist, solange sie nicht systematisch ist. Das erklärt, warum z. B. Banken skandalisiert, aber nicht entmachtet werden.
📗 Kapitel 2: Kritik der Traditionssozialismen
🧠 Inhalt und Argumente
- Kalmring analysiert die ideologischen und strukturellen Fehlentwicklungen der historischen Arbeiter:innenbewegung, insbesondere der marxistisch-leninistischen Orthodoxien.
- Seine zentrale These: Die sozialistischen Bewegungen haben häufig den kapitalistischen Zustand, den sie angreifen, negativ gespiegelt, also mit umgekehrten Vorzeichen reproduziert.
- Zentrale Kritikpunkte:
- Unkritische Übernahme kapitalistischer Modernisierungsmuster
- Linear-progressives Geschichtsbild (Teleologie)
- Bürokratische, staatliche Steuerung statt Vergesellschaftung
- Kalmring plädiert für eine Rehabilitierung emanzipatorischer Errungenschaften, die im Kapitalismus entstanden sind, z. B. individuelle Rechte, Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit – ohne sie als bürgerliche Ideologie abzutun.
🔍 Unterkapitel
- 2.1: Ambivalenz der kapitalistischen Vergesellschaftung – Bezug auf Ernst Blochs „aufrechter Gang“
- 2.2: Die Bewegung reproduziert, was sie kritisiert – Rezeption von Max Horkheimer
- 2.3: Heterodoxe Gegenströmungen – z. B. Rosa Luxemburg, Cornelius Castoriadis, Frankfurter Schule, Autonome Marxismen
📚 Genannte Theoretiker:innen
- Ernst Bloch
- Max Horkheimer
- Walter Benjamin
- Cornelius Castoriadis
- Rosa Luxemburg
- André Gorz
- Vertreter der „Frankfurter Schule“
⚒️ Marxistische Analyse
Kalmring nimmt eine klassische Ideologiekritik von links an der Linken vor: Wenn Sozialismus bloß ein Abbild des Kapitalismus mit anderen Vorzeichen bleibt, bleibt er Herrschaft. Damit wird Kritik zur Selbstkritik: Emanzipation braucht mehr als Antikapitalismus – sie braucht auch Antietatismus, Antiautoritarismus und eine kritische Reflexion der eigenen Mittel.
📙 Kapitel 3: Subjekt, Geschichte, Kritik – Wider die politische Enteignung der Subalternen von links
🧠 Inhalt und Argumente
- Hauptthese: Die (neo-)orthodoxen Marxismen entmündigen die Subalternen, indem sie sie als Objekte eines historischen Mechanismus behandeln.
- Kritik an:
- Objektivistischer Geschichtstheorie (Produktivkräfte-Determinismus)
- Dogmatischer Fortschrittslogik, die Gewalt rechtfertigt
- Abwertung subjektiver Handlungsfähigkeit
- Kalmring fordert eine Wiederaneignung des Subjektbegriffs im Sinne einer rebellischen Subjektivität.
- Die „Neue Marx-Lektüre“ wird kritisch angesprochen – wegen ihrer Tendenz zur „Hyper-Objektivierung“ sozialer Prozesse.
🔍 Unterkapitel
- 3.1: Kritik am Fortschrittspositivismus und an der Reduktion des Subjekts auf Funktionsträger
- 3.2: Kritik des „historischen Materialismus“ in seiner deterministischen Variante
📚 Genannte Theoretiker:innen
- Karl Marx (frühe Schriften, Thesen über Feuerbach)
- Louis Althusser (kritisch)
- Moishe Postone (implizit über Kritik an „Kapital-Lektüren“)
- Walter Benjamin („Angelus Novus“)
- Cornelius Castoriadis
- Meiksins-Wood
- Cohen
- Levine & Wright
⚒️ Marxistische Analyse
Kalmrings Kritik trifft einen zentralen Punkt der marxistischen Debatte: die Spannung zwischen struktureller Analyse und subjektivem Handeln. Er argumentiert für eine Rückgewinnung des Subjektbegriffs – ohne in voluntaristischen Idealismus zu verfallen. Diese Kritik ist auch eine implizite Absage an autoritäre Führer- und Parteivorstellungen, die den Subalternen „Befreiung“ aufzwingen wollen.
📕 Kapitel 4: Formfragen der Politik – Über Organisation, Vergesellschaftung und Staat
🧠 Inhalt und Argumente
- Kalmring widmet sich der „formalen“ Seite der Politik – einer oft vernachlässigten Dimension.
- Er zeigt: Nicht nur Inhalte, auch Formen politischer Organisation prägen das emanzipatorische Potenzial.
- Zentrale Kritik:
- Die Arbeiter:innenbewegung hat politische Formfragen (Staat, Partei, Organisation) als neutral oder nebensächlich betrachtet.
- Die Folge war eine Verkürzung des Sozialismus auf Staatlichkeit und die Verwechslung von Vergesellschaftung mit Verstaatlichung.
- Der Glaube an das „Absterben des Staates“ wird als naiv und potenziell totalitär kritisiert.
🔍 Unterkapitel
- 4.1: Die Form der Politik ist nicht neutral
- 4.2: Organisation ist Teil des Politischen – nicht bloß Vehikel
- 4.3: Kritik am Staatsfetischismus im „realen Sozialismus“
📚 Genannte Theoretiker:innen
- Antonio Gramsci (Hegemonie, politische Kultur)
- Karl Marx (Staatsfrage)
- Max Weber (Herrschaftsformen)
- Herbert Marcuse (implizit)
- Francis Fukuyama („Ende der Geschichte“ – kritisch verarbeitet)
⚒️ Marxistische Analyse
Die Formfrage ist der blinde Fleck vieler linker Projekte. Kalmrings Kapitel 4 ist ein Plädoyer für eine reflektierte Politikgestaltung, die nicht nur weiß, was sie will, sondern auch wie. Die Frage nach Organisation, Pluralität, institutioneller Offenheit wird hier neu gestellt – in bewusster Abgrenzung zu autoritären Modellen.
📕 Kapitel 5: Utopie, Erlösung, Bilderverbot – Die Zukunft der Kritik
🧠 Inhaltliche Zusammenfassung
Kapitel 5 ist der Zukunftsperspektive einer emanzipatorischen Gesellschaftskritik gewidmet. Kalmring konfrontiert zwei miteinander verflochtene Problemfelder:
- Der Vorwurf des Messianismus an marxistische Theorien
- Das anti-utopische Bilderverbot in den realsozialistischen Orthodoxien
Zentrale These: Die marxistische Kritik läuft Gefahr, entweder:
- in religiöse Heilsversprechen umzuschlagen (Messianismus), oder
- durch einen dogmatischen Antimutopismus ihre Zukunftskraft zu verlieren.
🧩 Hauptargumente
- Kapitel 5.1: Kritik des Messianismus-Vorwurfs
- Kalmring verteidigt den „emanzipatorischen Überschuss“ marxistischer Theorien gegen den Vorwurf, sie seien säkularisierte Religionen.
- Gleichzeitig weist er darauf hin, dass viele Bewegungen der Arbeiter:innenbewegung tatsächlich quasi-religiöse Züge annahmen – insbesondere im Stalinismus.
- Der Autor fordert eine bewusste Abgrenzung vom Absolutheitsanspruch und eine Verankerung in der realen Geschichte und ihren Bruchlinien.
- Kapitel 5.2 und 5.3: Kritik am „Bilderverbot“
- Kalmring kritisiert das „Bilderverbot“ innerhalb der marxistischen Tradition – das Tabu, Utopien zu entwerfen, weil sie „idealistisch“ oder „unwissenschaftlich“ seien.
- Er argumentiert, dass utopische Vorstellungen notwendig sind, um praktische Handlungsfähigkeit und kollektive Hoffnung zu ermöglichen.
- Anstelle eines „großen Plans“ fordert er utopisches Denken als Horizont, das konkret, offen und reflektiert bleibt.
📚 Genannte Theoretiker:innen und Strömungen
- Francis Fukuyama (kritisiert: „Ende der Geschichte“)
- Karl Marx, insbesondere in Bezug auf den Vorwurf des „religiösen Subtexts“
- Walter Benjamin (messianischer Materialismus)
- Cornelius Castoriadis (kreative Imagination, radikale Autonomie)
- Jürgen Habermas, Jean-Pál Árnason, Axel Honneth (als Vertreter postmarxistischer Neulektüren)
- Postmarxismus, analytischer Marxismus, Operaismus, Kapitallogiker, historische Marxismen
⚒️ Marxistische Analyse
Kalmring gelingt es, die Spannung zwischen Kritik als Analyse und Utopie als Orientierung produktiv zu machen. Seine Position ist radikal-nüchtern: Ohne Utopie keine emanzipatorische Politik – aber diese Utopie muss offen, diskursiv und experimentell sein. Er plädiert für ein „utopisches Realismusverständnis“: nicht Jenseits, sondern mit Horizont.
🧨 Dialektische Widerspruchsanalyse
Der zentrale Widerspruch: Wer keine Utopie wagt, bleibt der Welt verhaftet, wie sie ist. Wer aber utopisch zu dogmatisch wird, droht zur neuen Autorität zu werden. Kalmrings Lösung: eine kritische Lust an der Utopie, die nicht vergessen hat, wie oft Befreiung zur Herrschaft wurde – aber gerade deshalb weiterträumt.
📘 Fazit: die schwarz-rote Kalmring Linie
Stefan Kalmring entwirft eine radikal-demokratische, subjektzentrierte, reflexive Kritik, die Marx ernst nimmt – aber ohne sich von Orthodoxien fesseln zu lassen. Seine zentrale Botschaft: Kritik muss wieder begehbar werden, sinnlich, offen und handlungsfähig. Und sie muss mehr sein als Diagnose: ein Werkzeug zur Weltveränderung, die sich selbst reflektiert.
Selber lesen - es lohnt sich:
https://www.rosalux.de/publikation/id/5899/die-lust-zur-kritik